Architektur und Film: Die Unsichtbaren – Im Labyrinth der Großstadt

  • mit Filmeinführung

Vorführungen:

  • Di, 3. November 2020 um 19:30 Uhr
  • Di, 10. November 2020 um 19:30 Uhr
  • Di, 17. November 2020 um 19:30 Uhr
  • Di, 24. November 2020 um 19:30 Uhr

 

 

AKNW November 2020 – Die Unsichtbaren – Im Labyrinth der Großstadt

 

DHOBI GHAT – Mumbay Diaries
Di., 3. November 2020, 19:30 Uhr
(IND 2011 · 100 Min. · OmU)

Capernaum – Stadt der Hoffnung
Di., 10. November 2020, 19:30 Uhr
(LBN/USA/FR/CYP/QAT/UK 2018 · 126 Min. · OmU)

WWW – What a wonderful world
Di., 17. November 2020, 19:30 Uhr
(MAR/FR 2006 · 99 Min. · OmU)

Lola
Di., 24. November 2020, 19:30 Uhr
(F/PHIL 2009 · 110 Min. · OmU)


Die Unsichtbaren
Im Labyrinth der Großstadt

Die rapide wachsenden Mega-Metropolen dieser Welt sind städtebaulich einem atemberaubenden Wandel unterworfen. Diese architektonischen Metamorphosen sind eng mit sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden.

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts wie auch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte ließen einige Metropolen regelrecht explodieren, so dass die Stadtplanung dem Expansionsdruck oft nicht mehr standhalten konnte. Ein Folgeproblem war das Auseinanderklaffen von Arm und Reich, das sich niederschlägt im unmittelbaren Kontrast von eingefriedeten Luxuswohnsiedlungen und verwahrlosten Slums, in dem große, völlig verarmte Bevölkerungsschichten verzweifelt ums Überleben kämpfen.

Dieses soziale Gefälle steht in der Reihe Die Unsichtbaren – Im Labyrinth der Großstadt im Fokus: Inwieweit bestimmt das städtische Umfeld Mechanismen sozialer Ungerechtigkeit?
Dabei fangen die Filme gerade durch diese Blickweise die Atmosphäre so verschiedener Mega-Metropolen wie Mumbai oder Manila, Cassablanca oder Beirut faszinierend ein.

Die 22. Ausgabe der Reihe Architektur und Film, die das sweetSixteen-Kino in Zusammenarbeit mit der Architektenkammer NRW präsentiert, stellt 4 Spielfilme vor, die von Menschen verschiedenster Herkunft erzählen und auf der Suche nach ihrem Platz in Betondschungeln, übervölkerten Elendsvierteln, engen Altstädten und ohrenbetäubendem Straßenverkehr.


Jeden Dienstag ab dem 03. November bis zum 24. November 2020 im sweetSixteen-Kino.
Jeweils um 19.30h, Eintritt je Vorstellung: 7 Euro.
Alle Filme mit Einführung, Essen und Trinken finden im Anschluss wegen Corona leider nicht statt.

Kartenreservierungen unter Angabe der gewünschten Vorstellung und Personenzahl sind telefonisch oder per Mail über das sweetSixteen-Kino möglich (Mo-So 11-17 Uhr: 0231.910-66 23 oder unter info@sweetSixteen-Kino.de) und werden dringend empfohlen. Vorbestellte Karten bitte bis 30 Min. vor Filmbeginn abholen: bis dahin nicht stornierte/abgeholte Karten gehen in den offenen Verkauf.


 

Di 3. November 2020, 19.30 Uhr

DHOBI GHAT – Mumbay Diaries
Verrücktes Indien! Kiran Rao erzählt in ihrem ersten Spielfilm von vier Menschen, die in Bombay, das heute offiziell Munbai heißt, gestrandet sind und dort um ihren Platz kämpfen müssen.
(Spielfilm, IND 2011 100 Min., OmU, FSK ab 6 Jahren, Regie: Kiran Rao)

https://www.youtube.com/watch?v=Ao4XSFVjNm0list=PLPcara3uR6hGTjyz5rvr412TSY1lLluAk&index=21

Mumbay Diaries ist ein schillernder Blick auf die indische Metropole und Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra im Westen Indiens, gesehen durch die Linse einer Hobby-Fotografin und eines Video-Künstlers. Shai ist neu in Bombay. Die junge amerikanische Hobby-Fotografin will die Heimat ihrer Eltern mit der Kamera erkunden. Sie trifft auf den
unnahbaren Künstler Arun und verbringt eine Nacht mit ihm. Ihre Wege trennen sich. Und während Arun sich in den schicksalhaften Videotagebüchern der ihm unbekannten Hausfrau Yasemin verliert, freundet sich Shai entgegen aller Konventionen mit dem Wäscher Munna an. Er führt sie durch die entlegensten Winkel der pulsierenden und modernen Metropole, verliebt sich und beginnt vom Unmöglichen zu träumen. Vier Lebensfäden aus einer irren Stadt, vier Menschen, die viel von «Incredible India» erzählen, aber auch davon, dass der Mensch immer wieder auch von der Sehnsucht nach dem Anderen getrieben ist.

Bombay Diaries ist der Debütfilm der indischen Regisseurin Kiran Rao. Anders als sonst bei Filmen aus ‘Bollywood’ üblich, handelt es sich bei dem Film nicht um ein buntes Musical, sondern um einen realistischen Arthouse-Film, weshalb Bombay Diaries auch als möglicher Vorbote einer neuen indischen Filmbewegung gilt.


 

Di 10. November, 19.30 Uhr

Chapharnaüm – Capernaum – Stadt der Hoffnung
Regisseurin Nadine Labaki hat mehrere Jahre damit verbracht, ihre Geschichte auf eine authentische Art zu verwirklichen. Ihre ProtagonistInnen sind Menschen, die tatsächlich in Beirut in den gezeigten Bedingungen leben.
(Spielfilm, LBN/USA/FR/CYP/QAT/UK 2018, 126 Min., OmU, FSK ab 12 Jahren, Regie: Nadine Labaki)

https://www.youtube.com/watch?v=-0FtjNImkrw

Ungefähr zwölf Jahre alt ist Zain, niemand weiß es genau. Mit seiner 10-köpfigen Familie lebt er in einer 2-Zimmer-Wohnung eines Elendsviertels in Beirut. Jeden Tag steht er mit seinen Geschwistern auf der Straße, um etwas Geld zu verdienen. Nachdem er wegen eines
schweren Vorfalls zu fünf Jahren Haft verurteilt wird, klagt er seine Eltern an. Er wirft ihnen vor, ihn zur Welt gebracht zu haben.

Ein Albtraum für jedes Kind und doch die Realität: In einer mehrfach kriegszerstörten Stadt zur Welt zu kommen, tagtäglich ums Überleben zu kämpfen gegen den Hunger, die Verschmutzung, die Gewalt. Regisseurin Nadine Labaki zieht den Zuschauer in den Slum hinein, wir werden ins Unglück gesaugt und finden aus den engen, verwahrlosten Gassen keinen Ausweg. Kann man es bis zum schönen Stadtzentrum schaffen, das weit weg im Hintergrund so unerreichbar wirkt?

Selten scheint die Sonne, grau ist Zains Umgebung. Die einzigen Farben kommen von der Kirmes, wo Zain müde vom großen Rad aus in die Ferne schaut. Er findet Schutz in der armseligen Hütte einer illegalen Migrantin, in die kein Tageslicht kommt. Der Blick auf das glänzende Mittelmeer öffnet sich ihm erst, wenn er im Gefängnis sitzt; doch der Stacheldraht setzt klare Grenzen. Zain ist machtlos in dieser Welt eingesperrt, unsichtbar in einer Stadt, für die er nicht existiert.


 

Di 17. November 2020, 19.30 Uh


WWW – What a wonderful world
Casablanca ist nicht nur ein legendärer Film aus Hollywood, es ist auch eine real existierende Stadt voller Kontraste, modern und archaisch in einem. Hier lebt Kamel als Auftragskiller in einer Art Einzimmer-Penthouse und verliebt sich in eine Verkehrspolizistin.
(Spielfilm, MAR/FR 2006, 99 Min., FSK ab 12 Jahren, OmU, Regie: Faouzi Bensaïdi)

Der Film ist im Original mit deutschen Untertiteln, es ist im Moment kein passender Trailer findbar.

https://www.youtube.com/watch?v=PtwxmqX2DqM

Casablanca – die mythenreiche Stadt in Nordafrika, die zugleich auch eine moderne, pulsierende Metropole ist. Eine Stadt voller faszinierender Kontraste. Kenza ist Verkehrspolizistin, meist steht sie in gleißender Sonne auf einer Kreuzung und dirigiert das vorbeiziehende Ballett von Motorrädern, Autos, Bussen und Lastwagen. Kenza verdient ein Zubrot, indem sie ihr Handy minutenweise an diejenigen vermietet, die sich kein eigenes Telefon leisten können. So etwa ihrer besten Freundin Souad. Souad arbeitet als Putzfrau bei reichen Leuten und gelegentlich als Prostituierte. Ihr Lieblingskunde ist der Auftragskiller Kamel.

Kamel, abgebrüht und wortkarg, wohnt hoch über den Dächern Casablancas. Er erhält seine Aufträge via Internet, mordet eiskalt – und ruft nach vollbrachter Tat immer Souad an. Eines Tages aber antwortet Kenza. Der coole Killer verliebt sich augenblicklich in die unbekannte, aufregende Stimme, obwohl Kenza ihm ihren Namen und ihren Beruf verschwiegen hat. Kamel ist besessen von dem Gedanken, die dazugehörige Frau ausfindig zu machen. Doch auch Kenza geht der mysteriöse Anrufer nicht mehr aus dem Kopf.

Und dann ist da noch der junge Hicham, der als Botenfahrer für seinen alten Vater sorgt und vom besseren Leben in Europa träumt. Um sein Ziel zu erreichen, hackt er sich illegal durch die Computernetze und kommt dabei Kamels kriminellen Internet-Verbindungen in die Quere.
Bald scheint jeder jeden zu verfolgen…

Wunderbar verrückt und verspielt, ist „WWW – What a Wonderful World“ eine ganz und gar ungewöhnliche Liebesgeschichte voll magischer Bilder, daneben aber auch eine schräge Crime-Story mit atemberaubend-tragischem Finale. Zugleich zeigt der Film das vielschichtige Gesicht von Marokkos legendärer Metropole Casablanca: Die Moderne von Internetcafés, Szenebars und kühlem Neonlicht neben Elendsvierteln, überfüllten Bussen und unfertigen Neubauvierteln.

Autor und Regisseur Fauouzi Bensaidi, der hier auch gleich die Rolle des Auftragskillers übernahm, wurde bereits für seine vorherigen Filmprojekte mehrfach ausgezeichnet. Mit „WWW – What a Wonderful World“, seinem zweiten Spielfilm, ist ihm ein eigenständiger und aufregend neuer Ton im arabischen Kino gelungen.

Arbeitsalltag in Casablanca: Kamel bringt kaltblütig Menschen um, bekommt die Aufträge aus dem Internet. Akribisch genau dirigiert Kenza den Verkehr von ihrem Podest aus in der Mitte einer Kreuzung. Souad putzt in ihrer rosa Uniform Häuser reicher Familien und prostituiert sich gelegentlich. Nachts sitzt Hicham als Hacker im Internet-Café und verfälscht Dokumente. Er will die Metropole, vor allem den Kontinent, verlassen. Die vier Menschen begegnen sich im heutigen Casablanca das, von ihren Bewohnern mal zärtlich, mal kühl Kaza genannt, zum Ausgangspunkt dramatischer Verstrickungen wird.

Thema des schrägen Scripts und einer sorgsam choreografierten filmischen Ästhetik ist eine moderne, äußerst heterogene Stadt, deren Bild nicht mehr der idealen Vorstellung Hollywoods entspricht – wie im Falle von Michael Curtiz‘ mythischem Film Casablanca, der fast komplett im Studio entstand. Durch enge, dicht besiedelte Wohnviertel und Betonbauten, die in der erdrückenden Hitze Kühle versprechen, nimmt uns der Film mit zu großzügigen, europäisch anmutenden Avenuen, an dessen Ende moderne Architekturanlagen zu bewundern sind. Aus einem Hochhaus blicken wir von oben auf Casablanca; dicht besiedelt ist die „weiße Stadt“, und grau geworden.


Di 24. November 2020, 19.30 Uhr

Lola
Zwei Großmütter, die mehr schlecht als recht an der Basis der Gesellschaftspyramide leben, müssen sich außergerichtlich arrangieren. Der Enkel der einen hat den Enkel der anderen getötet – ein eher unglücklicher Betriebsunfall im alltäglichen Überlebensgeschäft. Nun gilt es für die eine, irgendwie die Beerdigungskosten zusammenzubekommen, für die andere, den dringend benötigten zusätzlichen Einkommensbringer aus der Untersuchungshaft freizubekommen.
(Drama, F/PHIL 2009, 110 Min., OmU, FSK ab 12 Jahren, Regie: B. Mendoza)

https://www.youtube.com/watch?v=89_2FqPAtdY

„Meine Drehbuchautorin Linda Casimiro hat sich für Lola zweier verschiedener Quellen bedient: zum einen einer Fernsehnachricht über einen Dieb, dessen Großmutter das Gericht bekniete, ihren Enkel freizulassen; zum anderen eines Zeitungsberichts über eine Großmutter, der das Geld für die Beisetzung ihres Enkels fehlt. Wir packten beides zusammen und siedelten unsere Story zur Regenzeit in Malabon, einem Stadtteil nahe der Bucht von Manila, an. Es ist wirklich hart, in diesem Teil der Stadt zu leben. Er ist permanent überflutet. Das war nicht immer so. Irgendwann kam das Wasser – wer weiß, woher. Trocken wird das Gebiet wegen der vielen Regengüsse und Taifune nicht mehr. Es gibt dort keine funktionierende Kanalisation, deshalb fließt das Wasser nie mehr ganz ab. Der Regierung ist das egal.
Trotzdem müssen die Bewohner irgendwie mit der Situation klarkommen. Sie haben auch gar keine andere Wahl. Sie können nicht weg, sie sind zu arm, sie haben gerade genug zum Überleben.“ (Brillante Mendoza)