Das Wunder im Meer von Sargasso (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 19. September 2019 – So, 22. September 2019 um 21:00 Uhr
  • Di, 24. September 2019 – Mi, 25. September 2019 um 17:00 Uhr
  • Do, 26. September 2019 – Fr, 27. September 2019 um 17:00 Uhr
  • So, 29. September 2019 um 19:00 Uhr

Elisabeth (Angeliki Papoulia) ist Chefin der Polizei von Messolonghi, einer Kleinstadt an der Westküste Griechenlands, die für ihre Aalzucht bekannt ist. Elisabeth gilt als rücksichtslose Polizistin, als jemand, der zu viel trinkt und jegliche Konventionen verachtet. Dabei hat sie eine sehr gute Ausbildung genossen und galt als vielversprechende Beamtin bei der Polizei in Athen. Doch als sie sich weigerte, das Geständnis eines Jugendlichen zu fälschen, der wegen Verdacht auf Mitgliedschaft in einer Terror-Vereinigung in Untersuchungshaft saß, wurde sie kurzerhand aus der Anti-Terror-Einheit entlassen und in die Provinz versetzt –nach Messolonghi. Ihre Karriere war zerstört.

Rita (Youla Badouli) ist in Messolonghi geboren und aufgewachsen. Sie arbeitet in der örtlichen Aalzucht und putzt in ihrer Freizeit Kirchen, um ein Auskommen zu haben. Sie wirkt ein bisschen derb und hat keine Freunde. Ihr Bruder Manolis, eine lokale Größe im Showgeschäft, schikaniert sie nach Strich und Faden. Er überstrahlt alles und jeden in dieser Kleinstadt, so dass keiner merkt, wie gefährlich er Rita geworden ist. Systematisch durchkreuzt er ihre Pläne, der Kleinstadt zu entkommen. Nach einer wilden Strandparty mit jeder Menge Drogen und Alkohol wird Manolis am nächsten Morgen erhängt aufgefunden. Elisabeth wird mit dem Fall betraut. Je weiter sie mit ihren Ermittlungen kommt, je mehr Details sie über Manolis mysteriösen Tod erfährt, desto klarer werden die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen: sie haben beide die Nase gestrichen voll und wünschen sich nichts mehr, als einen Neuanfang in einer anderen Welt. Genau wie die Aale von Messolonghi, die sich auf die Reise von ihrer Lagune hinaus aufs offene Meer begeben, werden Elisabeth und Rita versuchen, sich aus dem Sumpf zu befreien und weit weg zu kommen – bis in die Karibik, ins Meervon Sargasso.

Interview mit Regisseurin Syllas Tzoumerkas von Marta Balaga

Warum hast du zwei Frauen in das Zentrum deines Films gestellt: Elisabeth und Rita?

DAS WUNDER IM MEER VON SARGASSO handelt davon, was passiert, wenn man trotz seiner Fähigkeiten ausgebremst wird und in einer diffusen Realität feststeckt. Und davon, was man unternehmen muss, um ihr zu entkommen. Wie weit man in seinen eigenen Träumen gehen muss, seiner eigenen Aggressivität, mit seinem eigenen Körper. Das kann auf Frauen ebenso zutreffen wie auf Männer. In diesem Film sind es zwei eingeschüchterte Frauen, Elisabeth und Rita: eine allein erziehende Polizistin und eine arme, einsame Frau, die in einer Aalzucht arbeitet. Im ersten Teil des Films entdecken wir, wie ihr bisheriges Leben und ihre Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ihre Niederlagen und das tief verinnerlichte Patriarchat sie zerstört haben. Im zweiten Teil bringen ihre Träume und die brutalen Ereignisse sie dann zusammen. Sie sind keine Freundinnen, sie sind sich auch nicht ähnlich, aber da ist etwas in ihren Herzen, dass eine Begegnung möglich macht.

Du hast einen Teil des Films in Athen gedreht, den Großteil jedoch an der Westküste Griechenlands. Aber anstatt die Schönheit dort einzufangen, konzentrierst Du dich auf Menschen, die es leid haben, dort festzusitzen.

Die Landschaft im Film spiegelt die Seele seiner Figuren: es gibt da diese Kombination aus Schönheit und Hässlichkeit. Diese Menschen sind weder gut noch schlecht –sie stecken voller Widersprüche. Dasselbe trifft auch auf die Landschaft zu und auf die Art und Weise, wie ich sie gefilmt habe. Ich bin auf einer sehr kleinen Insel groß geworden, inmitten der verschwenderischen Schönheit und brutalen Härte der Natur. Diese Widersprüche sind ein Teil von mir. Und ich weiß, wie die Menschen an solchen Orten sind: manchmal werden  sie Teil der Landschaft und dann wieder wirken sie darin wie Müll. Diese beiden Sichtweisen kommen im Film immer wieder vor. Nachdem meine beiden letzten Filme eher urban waren, hauptsächlich in der Stadt spielten, war es mir als Regisseur wichtig, diesmal etwas ganz anderes zu machen. Vielleicht hat es was mit meiner Kindheit zu tun und ich brauchte zur Abwechslung mal Morast, Dreck und Schlamm (lacht). In HOMELAND habe ich Griechenland als Hölle dargestellt, in A BLAST war es das reinste Fegefeuer und in diesem Film müssen sich die Figuren mit dem Paradies auseinandersetzen. Die Natur musste schon deshalb mehr in den Vordergrund treten. Die Figuren bewegen sich manchmal durch wirklich paradiesische Landschaften und ertragen sie dann entweder als Widerspruch, nehmen sie als verlorenes Paradies wahr oder aber sie versuchen, ihr gerecht zu werden.

Als wir Elisabeth kennen lernen, geht sie hart mit sich ins Gericht, anstatt sich anzupassen. Woher rührt dieser Selbsthass bei ihr?

Wenn man eine Niederlage einstecken muss, fühlt man sich nicht gut. Das gilt auch für Elisabeth, die eigentlich eine ungestüme und temperamentvolle Frau ist. Der Film zeigt die Tragik einer Frau, die verloren hat und jetzt die Konsequenzen für Jahre hinweg aushalten muss, bis sie einen Weg findet, der ihr erlaubt, ihre verlorene Selbstachtung wiederzugewinnen. Diese beiden Frauen, Elisabeth und Rita, machen eine Menge durch, bevor sie an den Punkt gelangen, an dem ihr Drang nach Selbstbestimmung nicht mehr aufzuhalten ist.

Der Film fängt wie ein Thriller an, dreht sich dann aber komplett.

Ja, ich wollte, dass der Prolog wie ein typischer, urbaner Polizeithriller daherkommt, in krassem Gegenteil zu dem, was Elisabeth und die Zuschauer danach erwartet. Ich wollte mit dieser Energie anfangen, um zu zeigen, woher Elisabeth kommt, wie sie war, bevor man sie in den Sümpfen Mesolongis entsorgt. So konnte ich ihre Haupteigenschaften im griechischen Kontext zeigen – ihre Fähigkeit nicht alles gleich in richtig oder falsch einzuordnen, ihre Professionalität im Umgang mit anderen Menschen und ihre Verachtung von patriarchalen Figuren. Ich sympathisiere am Ende sehr mit ihr, wenn wir ihr zuschauen, wie sie dieser beschissenen Stadt den Rücken zukehrt, nachdem ihre Erinnerung an ihr aktives Leben dort mit jedem Tag blasser wird. Irgendwann wird sie versuchen, alles wieder in den Griff zu kriegen.

Der Film wird immer wieder von seltsamen Sequenzen unterbrochen, die die Träume der Figuren zeigen, voll mit biblischen Referenzen. Warum?

Der Film kreiert einen Traumbereich zwischen den beiden Frauen. Ihre Visionen, ihre Träume, ihre Gebete und der existentielle Aufruhr, in dem sie sich befinden, fangen an, sich aufeinander zu zubewegen, weil die beiden dieses ungeheure Verlangen haben, so weit wie möglich von dort wegzukommen. Rita geht in die Kirche, also sind ihre Visionen religiös. So unwahrscheinlich es auch sein mag, hat Elisabeth dagegen christusartige Züge. Diese Vorstellungen verändern sich permanent in ihrer beider Unterbewusstsein und eben in diesem Traumbereich –so wie im richtigen Leben auch. Ich mag diese Stellen im Film besonders, auch weil ich dieses „Christus-Film“-Sub-Genre wirklich gerne habe und es immer schon gern bedienen wollte (lacht).

DAS WUNDER IM MEER VON SARGASSO ist strukturiert wie ein Roman, hat auch ein ähnliches Tempo -die Figuren haben Zeit, sich zu entwickeln. Der Film ist anders als ein gewöhnliches Drama oder ein Thriller gebaut. Er hat in Bezug auf das Gesellschaftsdrama mehr mit dem Ansatz von Robert Altman gemein und beim Thriller mehr mit Nicolas Roeg–legt man auf etwas wert, dann zeigt man es auch. Man schafft genügend Raum und dann werden die Figuren real und -was noch viel wichtiger ist -die moralische Grauzone fühlt sich nicht mehr so künstlich an.  In SARGASSO beanspruchen die verschiedenen Figuren tatsächlich Raum und bringen die Reichhaltigkeit ihrer Persönlichkeit mit. Einfacher ausgedrückt, wachsen in diesem Paradies viele verschiedene Blumen.

Diese Vielfältigkeit spürt man auch in der Musik. Wie bist du an den Soundtrack herangegangen?

Ich habe schon bei meinen letzten beiden Filmen mit drog_A_tek zusammengearbeitet. Das ist eine sehr eindringliche, auf Improvisation basierende Ambient-Punk-Band. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist ziemlich einzigartig und mittlerweile sind sie Teil der DNA meiner Filme. Ich dachte aber, dass dieser Film etwas Widersprüchlicheres, mehr „Genre“-Konflikt in der Filmmusik brauchen könnte und beschloss, mit drei sehr unterschiedlichen Künstlern zusammenzuarbeiten. Der schwedische Komponist Jean-Paul Wall hat die umfangreichen Orchesterpartien komponiert, die den Anfang und das Ende des Films bilden,  während die elektronischen Soundscapes von drog_A_tekin der Mitte die  ganzen komplexen, traumhaften emotionalen Aspekte bedienen. Und dann Phoebus, ein sehr bekannter Pop-Rock-Komponist, der  in den letzten Jahrzehnten großen Einfluss auf die griechische Musik hatte: Als ein großer Fan von ihm bin ich sehr froh, dass wir an den Auftritten von Manolis zusammengearbeitet haben, und an dem Gitarrenthema, das den Übergang in den Abspann einleitet.

Neben dem schwedischen Komponisten hattest du weitere Mitarbeiter aus anderen Ländern. Was haben sie zu dem Projekt beigetragen?

Der schwedische Kameramann Petrus Sjövik und die niederländische Produktionsdesignerin Jorien  Sont,  zwei sehr abenteuerlustige Künstler mit großem Witz,  Einfühlungsvermögen und Kraft, tauchten beide mit mir buchstäblich in den „White-Trash-Sumpf“ der Gegend ein, um ihre raue Schönheit und die unterschiedlichen Nuancen herauszuarbeiten. Alles in allem war es ein tolles Geschenk und das anregendste Set, an dem ich je gearbeitet habe. Petrus und Jorien, zusammen mit der griechischen Kostümdesignerin Marli Aliferi, Evi Zafiropoulou und Linda Boije af Gennäs in derMake-up-Abteilung, das gesamteTeam –wir waren absolut im Einklang mit dieser Idee, eine Welt für unsere Charaktere zu schaffen, in der sich Härte mit Feinheit und unbeschwerter Schönheit verbindet. Viele Schriftsteller und Künstler sind schon von der Sargasso See angezogen worden. Sie haben sie als gefährlich und mythisch beschrieben. Ich bin über die Aale auf die Sargasso See gestoßen. Als ich anfing, mit Youla Boudali das Drehbuch zu schreiben, waren dieAale die zentrale Metapher, mit der wir gearbeitet haben. Die Metapher dafür, dass man zur „Vollendung“ des eigenen Lebens, zur Selbstfindung, schier unglaubliche Anstrengungen und Veränderungen durchlaufen muss. Die Sargasso See „ruft“ ja die Aale aus aller Welt zu sich und diese begeben sich dann auf diese wahnsinnige, entbehrungsreiche Reise. Sie schwimmen dorthin, vermehren sich und sterben. Das ist das Wunder im Meer von Sargasso –dieses plötzliche, an die Substanz gehende, brutal erkenntnisreiche, ungezügelte Verlangen, uns und unsere Lebensumstände drastisch zu ändern.

Mit SARGASSO führst Du deine Auseinandersetzung mit Griechenland aus deinen früheren Filmen fort. Ist deine Arbeit die Beschäftigung mit dem Griechenland der letzten 10 Jahre?

Klar sind die drei Filme so etwas wie eine Chronik. HOMELAND war ein Film vor der Krise. Er hat das Verborgene zu Tage gefördert, die gesellschaftlichen und familiären Zusammenhänge und Generationskonflikte aufgezeigt, die zum Bankrott des Landes geführt haben. In A BLAST ging es um die Erfahrungen der Lost Generation Griechenlands, einer Generation, die brutal desillusioniert wurde, als das Ausmaß des Schadens klar wurde –nicht nur für die Wirtschaft oder die Gesellschaft. Es hat diese Generation ins Mark getroffen, es war etwas ganz Persönliches, Existentielles, was da Schaden genommen hat. SARGASSO handelt von der Lebenswirklichkeit im Morast, in den Ruinen und der brutalen Anmut des Wiederaufstiegs, von der Wiederentdeckung von Gegenwehr, Rückeroberung und Freiheitswillen in jedem einzelnen.

Pressestimmen

“Tzoumerkas vermittelt meisterlich zwischen ultimativer Tristesse und innerer Hardcore-Brutalität. Er hat viel Zeit für Schweigen, dann wieder ist der Schnitt energiegeladen. Beides wird der Gewalt gerecht, die hier versuchsweise unterdrückt wird, und doch umso heftiger eruptiert. „The Miracle of Sargasso Sea“ ist ein ziemlich großer Genrefilm (endlich!).“ – taz

„Seit Gene Hackmans Jimmy Doyle in „French Connection“ hat man kaum einen garstigeren Cop gesehen als den hier von Angeliki Papoulia („Dogtooth“, „The Lobster“, „Alpen“) verkörperten. Das griechische Kino scheint augenblicklich ein unerschöpflicher Quell audiovisueller Unverschämtheiten.“ – Filmdienst„

„Faszinierend“ – Tagesspiegel‘