• PL/DE 2020
  • 115 Min
  • Regie: Malgorzata Szumowska, Michal Englert
  • FSK: keine Angabe
  • Deutsche Synchronisation
  • offizielle Filmseite

Vorführungen:

  • Do, 9. September 2021 – So, 12. September 2021 um 19:00 Uhr
  • Di, 14. September 2021 – Mi, 15. September 2021 um 17:00 Uhr
  • Do, 16. September 2021 – So, 19. September 2021 um 19:00 Uhr
  • Mo, 20. September 2021 um 19:00 Uhr
  • Mi, 22. September 2021 um 19:00 Uhr

In einer anonymen polnischen Villensiedlung beglückt ein ukrainischer Masseur seine KundInnen nicht nur mit seinen heilenden Händen. Er wird zu einer Art Guru für die spirituell obdachlosen und nicht nur sexuell frustrierten Neureichen. Małgorzata Szumowska (DIE MASKE) und Michał Englert erzählen von einer polnischen Gegenwartsgesellschaft, die ihre Identität verloren hat. Weltpremiere im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig!

Der Oscarkandidat von Polen für 2021. Die Süddeutsche schreibt dazu: „Man weiß irgendwann nicht mehr, worauf der Film hinaus will, aber da kann man sich ihm schon nicht mehr entziehen“.

Hypnosekino auf subtile und humorvolle Art und Weise.


Interview mit Małgorzata Szumowska & Michał Englert

Ist „Der Masseur“ ein weiterer Film in der Art von „Body“ (2015) oder „Die Maske“
(2017), die die Polen als Nation beleuchten, um uns auf die Probe zu stellen: Sind wir in der Lage, uns einmal nicht ganz so ernst zu nehmen oder sogar über uns selbst zu lachen?

M.S. Ich glaube, er geht mehr in die Richtung von „Body“ als „Die Maske“. Durch die Kombination aus kitschigen Kieślowski-Bezügen und augenzwinkernder Ironie ist es uns gelungen, die metaphysische Ebene zu dekonstruieren und dabei doch ernst zu nehmen. Uns war es wichtig, dem Film eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen, auch wenn die Menschen in dieser besonderen, von der Pandemie geprägten Zeit vielleicht eher nach ernsten Botschaften suchen.

M.E. In dem Film ist eine gewisse Kontinuität und Konsistenz zu erkennen, insofern als wir auch hier versuchen, die Filmsprache zu entwickeln, die uns am meisten interessiert, auch wenn sie recht eigenwillig ist. Sie spiegelt unseren Blick auf das Leben, mitsamt seinen Widersprüchen und tragikomischen Situationen. Für einige mag diese Art von Erzählung vom akzeptierten Kanon abweichen, aber wir wollten, dass der Film eine möglichst große emotionale Bandbreite hat. Heute sind viele Produktionen, vor allem die Mainstream-Produktionen, sorgfältig ausbalanciert. Nach dem Motto, wenn von allem was dabei ist, verkauft sich der Film gut. Wir dagegen erlauben uns die Freiheit, intuitiv an unsere Arbeit heranzugehen, sprich weniger berechnend. Unser künstlerisches Bewusstsein wächst mit jedem Film, und wir hoffen, dass es uns immer noch gelingt, authentisch zu sein. Die Filme, die wir zusammen machen, sind von unserer Seite auf jeden Fall sehr ehrlich.

Nach der Premiere von „Body“ in Berlin habt ihr gesagt, ihr wolltet einen Film machen über die Beziehung eines Menschen zu seinem Körper, über die er Zugang zu seiner Seele findet. Wäre das nicht auch eine treffende Beschreibung eures neuen Films?

M.S. Ganz bestimmt. Die Bedürfnisse unserer Filmfiguren sind ursprünglich körperlicher Natur – sie wollen eine Entspannungsmassage. Heutzutage glauben die Menschen an allen möglichen physischen Hokuspokus wie Heilungen, Zaubertricks und Wunderdiäten, was vermutlich auf die Angst vor der Endgültigkeit des Todes zurückzuführen ist. Zhenia, der Protagonist, transzendiert das Körperliche, er berührt etwas sehr viel Größeres und eröffnet seinen Klient*innen den Weg in eine andere Dimension, außerhalb dieser Realität.

M.E. Was Małgorzata beschreibt, entspricht dem weitverbreiteten Drang, möglichst lange und unter besten körperlichen und materiellen Voraussetzungen zu leben. Die Menschen versuchen heute permanent, alles zu messen, zu etikettieren, abzuwägen und zu planen, mit dem Ziel, eine Formel für das perfekte Leben zu finden. Exklusive bewachte Wohnanlagen, wie die, in der der Film spielt, sind nur eine konsequente Weiterführung dieser Denkweise.
Der Protagonist trägt Geheimnisse in seinem Inneren, die moderne Welt wird davon verzehrt. Sowohl das Coronavirus als auch die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe, auf die der Film anspielt, sind Phänomene, die zwar wissenschaftlich erwiesen, aber nicht greifbar sind, nicht fassbar. Sie sind metaphysisch, eine Art höhere Gewalt. Darin offenbart sich eine gewisse spirituelle Leere, weshalb der Ort, an den sich die Figuren so bereitwillig führen lassen, genau das ist – ein leerer Raum.

M.S. Ja, der Film handelt von einem Bedürfnis nach Spiritualität. Der Anbruch einer neuen Ära ist überall spürbar. Wir bewegen uns weg vom aggressiven Kapitalismus und der allmählichen Zerstörung unseres Planeten hin zu einem größeren Bewusstsein dessen, wohin uns das alles geführt hat. Dazu gehört auch das dringende Bedürfnis, uns tief in uns selbst zu versenken.

In einer Szene sagt die Figur, die von Agata Kulesza gespielt wird, dass sich heute alles nur noch um das Aussehen dreht. Wir konzentrieren uns auf das Körperliche und verbreiten jedes Detail aus unserem Leben in den sozialen Medien – woher kommt dieses Bedürfnis?

M.S. Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt angelangt – oder ich bin naiv und bald ist alles wieder so wie vorher. Aber das Körperliche ist unverkennbar zur Obsession geworden. Die Leute tun alles, damit ihr Körper so lange wie möglich attraktiv und funktionstüchtig bleibt. Der Grund dafür sind Instagram und die idealisierten Bilder, die dort gepostet werden, fern jeder Realität. Das ist so krass, dass du beim ersten Treffen völlig überrascht bist, wie die Person in Wirklichkeit aussieht.

M.E. Die gesamte Sphäre zwischenmenschlicher Beziehungen, die heute in weiten Teilen in sozialen Netzwerken stattfinden, basiert auf unserem Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören und von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Folglich konzentrieren sich die Menschen nur noch darauf, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Und dieses Bild ist oft verzerrt, mit einem Filter versehen, passend gemacht für eine bestimmte Situation. In unserem Film wollten wir die Menschen zeigen, wenn sie allein sind. Hier spielen Zhenias besonderen Kräfte eine wichtige Rolle, allen voran die Hypnose, mit deren Hilfe er seine Kund*innen aus ihrer Alltagshektik herausholt, damit sie endlich ein wenig Ruhe finden und sich selbst betrachten können. Die vermeintlich banale Fähigkeit, in sich hineinschauen, seine wahren Bedürfnisse und Sehnsüchte erkennen und seine Gefühle benennen zu können, ist für sie eine schwierige Aufgabe. Sie weichen unangenehmen Fragen aus und sehen die Realität so, wie sie ihnen am besten gefällt. Aber bestimmten Fragen kann man nicht entfliehen, sie holen einen früher oder später ein. Wie die östliche Philosophie lehrt: „Ohne Schlamm kann die Lotusblume nicht blühen“. Außerdem suchen die Kunden Zhenias Bestätigung. „Denk nicht schlecht von uns“, sagt einer von ihnen, als er auf der Massageliege liegt.

M.S. Sie haben alle ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, und Zhenia erscheint ihnen jemand ganz Außergewöhnliches zu sein, vielleicht weil er aus dem Osten kommt. Es ist komisch, aber für sie hat er etwas Exotisches. Da sich diese Leute gar nicht mehr mit dem Osten identifizieren, sondern als Teil von Westeuropa betrachten, schreiben sie dem exotischen, ukrainischen Heiler wundersame Eigenschaften zu. In geschlossenen Wohnanlagen wie der im Film ist es normal, sich Masseure, Osteopathen, Trainer oder Therapeuten weiterzuempfehlen und diese wie Mini-Götzen zu verehren. Die Menschen finden Trost in Zhenia. Doch auch der sexuelle Aspekt spielt eine Rolle – Zhenia hat eine starke Wirkung auf Frauen. Er ist ein Mann mit einem Geheimnis, aber ohne konkrete Eigenschaften; seine Kund*innen können alles Mögliche in ihn hineinprojizieren. Für die einen ist er vielleicht ein Schutzengel, für die anderen eine Art Voland.

Gleichzeitig behandeln sie ihn von oben herab, wie in der Szene, als er den Hund einer Kundin massieren soll.

M.S. Denn trotz allem ist Zhenia ein Angestellter, eine Person von geringerer sozialer Stellung. Das Bild, das wir von den polnischen Neureichen zeichnen, die meinen, sie hätten Anspruch auf mehr, ist vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist definitiv wahr. Es liegt viel Herzlichkeit in unseren satirischen Zuspitzungen, denn es war nie unsere Absicht, irgendjemanden zu kritisieren. Schließlich beschreiben wir zum Teil Menschen, die wir kennen, einschließlich uns selbst.Ein wichtiges Thema, das in den letzten Jahren die öffentliche Debatte beherrscht hat, ist die Migration, auch aus wirtschaftlichen Gründen, und wie die europäischen Länder damit umgehen. Kommt Zhenia deshalb aus der Ukraine?

M.S. In einem guten Drama werden Probleme verdichtet. Wäre der Masseur ein Pole, könnte er nicht so viel über die polnische Gesellschaft sagen. Es ist immer einfacher, sich selbst und die eigenen Probleme in einem Fremden zu erkennen.
Während in Westeuropa die Polen als billige Arbeitskräfte beschäftigt werden, sind es bei uns die Ukrainer. Sie kommen hierher und arbeiten oft illegal. Und da es nicht leicht ist, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, müssen die meisten bald wieder in ihre Heimat zurück. Zhenia nutzt seine hypnotischen Fähigkeiten, um sich eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen. Er tut, was er tun muss, Ukrainer haben es nicht leicht in Polen. Die bewachte Wohnanlage ist ein Symbol des modernen Polens, vielleicht sogar ein Symbol für Europa. Denn wie wir alle wissen, schließt Europa ja gerade seine Außengrenzen für Flüchtlinge.

Woher kommt dieses starke Bedürfnis der Oberschicht, sich abzuschotten?

M.S. Ich glaube, das ist etwas sehr Polnisches. Viele Eltern, die ich von der Privatschule kenne, wohnen in solchen Anlagen. Sie sagen: „Wir haben ein Leben lang hart gearbeitet, um so weit zu kommen!“ Der Politikwissenschaftler Rafał Matyja hat eine interessante Analyse dieses Phänomens vorgelegt – er behauptet, die Oberschicht sei in Wahrheit verarmt. Diese Leute ziehen in Gated Communities, wo jeder genau ist wie sie selbst. Sie wollen keine Nachbarn, die in Sozialwohnungen leben, sondern bleiben lieber unter sich, abgeschottet von der restlichen Gesellschaft. Aber sie sind nicht reich genug, um sich die totale Freiheit zu erkaufen. Sie sind in einer Spirale gefangen, die sie zwingt, immer mehr Geld zu verdienen, um ihren Status zu halten, was sie fürchterlich neurotisch macht und noch weniger geneigt, ihren Raum mit Menschen zu teilen, die das ihrer Meinung nach nicht verdienen. Matyja bezeichnet Polen als semiperipheres Land, das unter einem historisch begründeten Minderwertigkeitskomplex leidet. Wir befinden uns also außerhalb des Mainstreams.
Interessanterweise wollen die reichen Polen, anders als die Eliten in London oder New York, auf keinen Fall mitten in der Stadt wohnen. Sie verschanzen sich lieber in abgeschlossenen Siedlungen am Stadtrand, und blenden den Rest der Welt aus.

M.E. Wie wir gerade sehen, ist der semiperiphere Charakter unseres Landes ein guter Nährboden für die populistische Saat radikaler Ideologien. Diese semiperiphere Lage triggert unsere Komplexe, weil sie Aufstiegsfantasien, Stolz und Verachtung hervorruft und ein aggressives Verständnis von Nationalität schafft. Damit einher geht ein Bedürfnis nach Sicherheit, der Wunsch, eine Mauer um sich herum zu errichten, die Fremde auf Abstand hält. Und das ist in einem größeren Zusammenhang brandgefährlich. Denn eigentlich geht es im Leben ja darum, in Dialog zu treten mit Menschen verschiedenster Herkunft, Ansichten und sozialer Schichten. Die Sehnsucht, sich mit Seinesgleichen zu umgeben, rührt von der Angst vor dem Anderen und vergrößert die Kluft in der Gesellschaft. Wie Małgorzata schon gesagt hat, die Wohnanlage, in der unser Film spielt, kann mit vielen Dingen assoziiert werden. Selbst der Wachmann nimmt seine Rolle nicht ernst, weil er weiß, dass er Personen nach Lust und Laune hereinlassen oder abweisen kann. Solche kleinen Codes versuchen wir mit Humor in die Geschichte hineinzuschmuggeln; sie sind ein wichtiges, charakteristisches Element in unseren Filmen.

M.S. Jemand hat mal die Filme gezählt, die wir zusammen gemacht haben – das hier war der 17.! Übung macht den Meister … Wir haben den Eindruck, dass fast alle Geschichten, die man erzählen könnte, schon erzählt wurden, daher ist die Form umso wichtiger. In einer Zeit, in der wir in einer Flut von audiovisuellen Angeboten ertrinken, ist es die Form, die einen Film besonders macht. Wer eine Geschichte erzählen will, muss zuallererst wissen, wie. Darum geht es meines Erachtens beim Filmemachen, und nicht darum, Tropen zu wiederholen, die man schon tausend Mal in anderen Filmen gesehen hat. Wir haben über die Jahre unseren eigenen Stil entwickelt.

Alec Utgoff, bekannt aus der dritten Staffel der Serie „Stranger Things“ oder auch von der Großproduktion „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (2014), spielt die Rolle des Zhenia. Wie kam es dazu?

M.S. Mein Sohn hat mich auf Alecs Figur Dr. Alexei aufmerksam gemacht, als er die dritte Staffel schaute. Damals waren Michał und ich gerade auf der Suche nach einem Hauptdarsteller. Wir hatten einige Namen im Kopf, aber am Ende beschlossen wir, dass es ein ukrainischer oder ein russischer Schauspieler sein muss. Also beauftragten wir eine Casting-Agentur, die uns mehrere Leute vorschlug, von denen uns aber keiner überzeugte. Und als ich dann selbst die dritte Staffel von „Stranger Things“ schaute – ich bin übrigens ein großer Fan der Serie –, schrieb ich eine SMS an Michał: „Ich glaub, ich hab unseren Masseur gefunden!“ Alec hat ein sehr interessantes Gesicht, er sah genauso aus, wie wir uns die Figur vorgestellt hatten. Es erwies sich als extrem schwierig, ihn zu kontaktieren, aber schließlich gelang es meiner amerikanischen Agentur, ihn anzufragen. Zuerst lehnte er ab, worauf ich an seinen Agenten schrieb, der ein Treffen in London organisierte. Ich konnte ihn dann ziemlich schnell überzeugen, die Rolle zu übernehmen. Es war eine fruchtbare, wenn auch außergewöhnliche Zusammenarbeit.
Alec ist ein technisch hochversierter Schauspieler, aber er war große Studioproduktionen gewohnt und erwartete daher von mir, dass ich ihm ganz genau erkläre, wie sich der Masseur verhält und warum. Was nicht ganz einfach war, denn Zhenias Figur ist komplex. Die Geschichte ist relativ einfach erzählt, was mit den stilisierten Szenen kontrastiert, in die die Figuren unter Hypnose befördert werden.

M.E. Wichtig war auch der Ausgangspunkt, das heißt die soziale Schicht, um die es in dem Film geht. Die Ästhetik dieser Schicht gefiel uns nicht sonderlich, wir fanden diese Welt visuell unattraktiv. Also suchten wir einen Weg, wie wir etwas, das wir eigentlich nicht mochten – nämlich eine exklusive bewachte Wohnanlage – auf interessante Weise beschreiben konnten. Unsere Set-Designerin fand schließlich die Lösung. Als wir zum ersten Mal zusammen mit unserem deutschen Produzenten in der Siedlung waren, gaben wir uns als potenzielle Käufer aus. Nach und nach konnten wir dann die Wohnungsbaugesellschaft für das Projekt erwärmen und erhielten eine Drehgenehmigung. Wir übernehmen in unseren Filmen oft die Rolle des Erzählers. Trotz des starken Protagonisten wird die Geschichte nicht aus seiner Perspektive erzählt. Wir mussten einen Schritt zurücktreten und die soziale Situation aus der Distanz betrachten, um sie beschreiben zu können. Diesen Blick haben wir dann mit Zhenias Innenwelt und der intimen Seite der Hypnose verwoben. Das macht die Geschichte persönlicher, geheimnisvoller. Dennoch war, wie in all unseren Filmen, eine einfache und doch intensive Erzählweise das oberste Gebot. Wobei ‚einfach‘ nicht ‚offensichtlich‘ bedeuten muss. Teilweise nimmt der Film starken Einfluss auf die Wahrnehmung des Zuschauers. Anfangs, als Zhenia Maria zum ersten Mal besucht, ist es ziemlich laut, bis zu dem Moment, in dem sie einschläft. Es folgt eine lange Stille. Dann weckt Zhenia sie mit einem Fingerschnippen auf, und dieses Geräusch soll auch den Zuschauer aus seiner Trance holen. Wir haben viel Wert auf Rhythmus und Kontraste gelegt.