Der See der wilden Gänse (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Fr, 4. September 2020 um 18:45 Uhr
  • Mo, 7. September 2020 um 18:45 Uhr
  • Mi, 16. September 2020 um 17:00 Uhr
  • So, 20. September 2020 um 18:45 Uhr

Nach einem Zusammenstoß in Wuhan mit einer rivalisierenden Bande, bei dem er einen Polizisten getötet hat, ist der Gangster Zhou Zenong auf der Flucht. Nicht nur die Gesetzeshüter ziehen das Netz enger, sondern auch seine ehemaligen Gangmitglieder wollen an ihn herankommen und senden dafür die Prostituierte Liu Aiai als Köder aus. Wird Zenong seinen Gegnern entfliehen können?

  • Der Film begeistert! – New York Times
  • Ein brillanter chinesischer Film Noir. – Indie Wire
  • Ein enthemmtes Spiel mit Farben, Formen und reiner visueller Wucht. – critic.de

Auszüge aus einem Interview mit Diao Yinan

Im Film werden zwei Welten gezeigt und parallel miteinander verglichen: die Jiang Hu (kriminelle Unterwelt) und die Polizei (die Macht der „Ordnung“). Woher kam die Idee?
Diao Yinan: Ich habe selber die Erfahrung gemacht, in zweit- oder drittrangigen Städten gelebt zu haben. Ich kenne das so gut, dass man man im wirklichen Leben Teile meiner erfundenen Geschichten wiederfinden kann. Sie haben die Jiang Hu erwähnt. Jiang Hu existieren in den immer weiter wachsenden Vororten dieser Städte. Es war für mich eine intuitive Wahl und man könnte es fast als eine romantische Wahl betrachten. Romantik, also die wirklich tiefere Bedeutung davon, existiert nur innerhalb der Jiang Hu! Verbunden damit ist es auch eine Wahl an Raum, die von den Charakteren und der Handlung inspiriert ist und darauf wartet, dass sie durch diese erkundet wird. Ich denke, die Atmosphäre des Films ist he-runtergekommen, verschmutzt und antizivilatorisch. Ich habe meine eigene dunkle Seite eingbracht, um Trost zu finden. Kriminalfilme können ohne die Polizei nicht existieren, ebenso wenig wie es die Jiang Hu kann. Der Unterschied ist, dass ich die Polizei in zivil zeige, damit sie wie ein Teil der Jiang Hu aussieht, und nicht in der Uniform, die normalerweise mit dem sauberen, zivilisierten und starren Bild von Autorität verbunden ist. Man denkt es seien zwei Welten. Für mich existieren sie jedoch in einer Welt nebeneinander, miteinander verflochten und parallel, voneinan-der abhängig und untrennbar.

Der erste Eindruck des Films ist, dass man einen Film Noir vor sich hat (mit einem romantischen Helden und einer Femme Fatale). Aber diese beiden Elemente variieren auch im Laufe des Films: Der Autodieb folgt der männlichen romantischen Tradition chinesischer Kung-Fu-Filme, wie der ruhige, introvertierte Protagonist in Chu Yuan Werk; während die Schwimmbegleiterin Xia (Ritterlichkeit) und Yi (Loyalität) aus „Via Nu“ (Ein Hauch von Zen) verkörpern.
Diao Yinan: Vielleicht ist das, was Sie sagen, wahr. Als ich jedoch das Drehbuch schrieb, hatte ich diese Unterscheidung nicht bewusst gemacht. Ich glaube allerdings, dass der westliche Film Noir und das Streben nach Romantik in chinesischen Wuxia-Filmen vergleichbar sind. Der Unterschied be-steht darin, dass in Wuxia-Filmen das Poetische und das Ästhetische stärker betont werden, während der Film Noir das Schicksal (oder die Ak-zeptanz des Schicksals) und die Dunkelheit (Nacht und die korrupte Gesellschaft) und das Verlangen betont. Wenn es Variationen gibt, spiegeln sie die Komplexität der menschlichen Natur und ihre dunkle Seite wider. Die Helden haben ihre Fehler und Ängste. Das Erscheinen von Xia (Ritterlichkeit) und Yi (Loyalität) wird normalerweise nicht im Voraus markiert oder geplant. Es ist wahrscheinlicher, dass es in einer Begegnung auftaucht, normalerweise in einer plötzlichen, und die Charaktere sind in einem Wirbelwind sofortiger Emotionen und Wünsche gefangen.

Sie haben eine besondere Affinität zu Nachtszenen. Sie wurden der „Dichter der Nacht“ genannt. In Black Coal, Thin Ice und den Filmen davor fanden die meisten Ihrer Geschichten nachts statt, und die Nacht trägt die Realität. Wie sehen Sie „Nacht“ – ist es ein Konzept, das Mysterium und Tod darstellt? Wie enthüllen Sie die Poesie und Schönheit der „Nacht“?
Diao Yinan: Rückzug und Flucht brauchen den Schutz der Nacht. In der Dunkelheit befinden sich die Charaktere in einem relativ offenen Raum. Optisch gibt es mehr Auswahlmöglichkeiten. Wie Sie sagten, zaubert die „Nacht“ ein Gefühl des Mysteriums und bezieht sich auf den Tod. Einige Objekte erscheinen in der Dunkelheit, immateriell als Funken. Die Nacht ist wie ein zusätzlicher Filter auf der Kamera. Die Dunkelheit hat die Eleganz und Einfachheit eines Schwarzweißfotos. Gleichzeitig verbinden sich die kräftigen Farben, Schatten und Lichter sowie die leeren Straßen zu einer traumhaften Atmosphäre, die im dunklen Marschland schwebt. Die „Nacht“ fügt auch meinem Bewusstsein einen Filter hinzu, der es mir ermöglicht, mich dem Unterbewusstsein hinzugeben und Risiken einzugehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu einem finalen Schluss bezüg-lich der „Nacht“ im Rahmen der Dreharbeiten gekommen bin. Schließlich erscheint die Welt manchmal wie eine surreale Bühne im künstlichen Licht. Menschen bewegen sich wie Tiere und bewegen sich entlang der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Und da ist auch die Stille der Nacht. Ein Lichtstrahl könnte in dieser Stille fast ein Geräusch sein. Ich bin verliebt in die Schatten, die durch Licht und Dunkelheit erzeugt werden. Ich werde nie müde, sie mit der Kamera aufzunehmen.

Wie definieren Sie den Einfluss der chinesischen Filmtradition in diesem Film und welche Position nimmt sie in dieser zukünftigen Traditi-on ein? Welche Einstellung soll das Publikum annehmen, um in den Film einzutauchen?
Wenn das Genre der Kampfkunstfilme ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Filmtradition ist, dann bin ich definitiv davon beeinflusst. Der Einfluss umfasst auch die Art und Weise, wie die Peking-Oper den Raum nutzt und Szenen symbolisch verändert. Ich beschäftige mich nicht mehr mit den Umrissen der breiteren Umgebung. Ich interessiere mich nur für den Raum, der durch die Aktion geschaffen wird, auch wenn es einen Konflikt zwischen ihnen gibt. Gleichzeitig hoffe ich, dass dieser Film zeitgemäß und nicht psychologisch ist: Er stützt sich auf Aktionen / Bewegungen, um ein Konzept zu präsentieren. Menschen sind die Ansammlung all ihrer Handlungen. Ich integriere verschiedene Stile in die-sem Film. Das stimmt mit meinem Verständnis der Realität überein.