First Cow (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 18. November 2021 – So, 21. November 2021 um 19:00 Uhr
  • Mo, 22. November 2021 um 19:00 Uhr
  • Mi, 24. November 2021 um 17:00 Uhr
  • Do, 25. November 2021 – Fr, 26. November 2021 um 17:00 Uhr
  • Sa, 27. November 2021 – So, 28. November 2021 um 21:00 Uhr
  • Mo, 29. November 2021 um 21:00 Uhr

Das Drehbuch schrieb Kelly Reichardt mit Jonathan Raymond, dem Autor der Romanvorlage. Einmal mehr erzählt die Regisseurin meisterhaft von einem Amerika fernab der großen Städte, das voller Verheißungen steckt. Wie ein Western ist First Cow eine Hommage an Menschen im Abseits, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen müssen – und hier statt mit dem Revolver mit Honiglöffel und Milcheimer hantieren. Auf diese Weise zeigen die Outlaws die „frontier“, Amerikas Projektionsfläche nationaler Träume, nicht als wirtschaftlich oder materiell zu erobernden Raum, sondern als Ort der Begegnung. Ein großartiges Alternativszenario mit besonderer gesellschaftlicher und politischer Bedeutung für die Gegenwart.

FILMKRITIK:

Anfang des 19. Jahrhunderts treffen zufällig der trappende Koch Cookie (John Magaro) und der flüchtige Chinese King Lu (Orion Lee) aufeinander. Nachdem sich ihre Wege zunächst wieder trennen, entdecken sie einander kurz darauf in einer Bar wieder und beschließen, fortan zusammenzubleiben, da sie in dieser rauen, von knallharten Mannestypen dominierten Welt nicht alleine zu bestehen glauben. Aus der Zweckgemeinschaft erwächst mit der Zeit nicht nur eine zarte Freundschaft, sondern auch eine Wirtschaftsgemeinschaft, als King Lu Cookie dazu überreden kann, des Nachts heimlich die Kuh des Chief Factors (Toby Jones) zu melken, um mithilfe der Milch die köstlichsten Gebäcke zu kreieren. Der Plan geht auf und neben den Trappern ist sogar der Chief selbst angetan von den Köstlichkeiten des ungleichen Duos. Er ahnt ja nicht, dass sie sich da Nacht für Nacht an seiner eigenen Milch bedienen…

Zu Beginn von „First Cow“ muss man sich erst einmal kurz sortieren. Zwar kündigt die obige Handlungsbeschreibung an, dass die Geschichte im frühen 19. Jahrhundert – genauer: im Jahre 1820 – spielt, doch ansetzen tut sie in der Gegenwart, als eine junge, durch den Wald wandernde Frau bei einem Spaziergang die Überreste zweier menschlicher Skelette entdeckt. Enden tut der Film derweil mit der Einstellung, dass sich die beiden Protagonisten Cookie und King Lu in exakt dieser Position auf den Waldboden legen, in der später ihre Knochen gefunden werden; damit ist der Handlungsbogen geschlossen.

Keine Sorge: Das Wissen darum, wie „First Cow“ ausgeht, ist an dieser Stelle nicht als Spoiler zu verstehen, denn in Kelly Reichardts neuem Film, der bereits 2019 fertiggestellt wurde und jetzt – auch coronabedingt – mit reichlich Verspätung doch noch in die deutschen Kinos kommt, ist der Weg das Ziel. Und ebendieses fühlt sich in seinen zwei Slow-Pace-Stunden an wie eine inhaltlich noch deutlich reduziertere (und nicht zuletzt wesentlich weniger archaische) Version von Alejandro G. Iñárritus Oscar-prämiertem Survival-Meisterwerk „The Revenant“. Auch „First Cow“ ist in erster Linie die antiklimatisch dargebotene Momentaufnahme eines vor rauer Naturkulisse stattfindenden Trapperlebens. Nur dass sich die beiden stark und zurückgenommen von John Magaro („The Big Short“) und Orion Lee („James Bond 007 – Skyfall“) verkörperten Hauptfiguren eben nicht vorwiegend auf eine körperliche Weise durch den Film schlagen müssen, sondern ihre Interaktion mit sich und der Umwelt wesentlich sensiblerer Natur ist. Apropos Natur: Auch hier bleibt sich Reichardt treu. Nach „Night Moves“ ist auch diesmal das Thema Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur ein zentraler Handlungspunkt eines ihrer Filme.

Im Laufe der zwei Stunden, die Reichardt gewohnt zurückhaltend inszeniert – ganz so, als würde sie jedem und jeder vor der Leinwand die Gelegenheit geben wollen, ausführlich in der von ihr hier aufgebotenen Welt zu schwelgen – stellt sich trotz des arg reduzierten Plots nie ein Gefühl der Trägheit ein. Stattdessen wirkt ihre Arbeit in ihrer Lethargie regelrecht genügsam und stellt sich damit in den Dienst der hier porträtierten Zeit. Wenn sie ihren Plot schließlich auch noch mit kapitalismuskritischen Ansätzen anreichern, erhält „First Cow“ sogar noch einen überraschend aktuellen Bezug. Und das Thema von der toxischen Maskulinität ist ja schließlich auch eines der Gegenwart…

Antje Wessels (Programmkino.de)

Anm.d.R.: In der ursprünglichen Textfassung wurde „Jahrhundertfrauen“ als Werk Kelly Richards angeführt. Der Film ist jedoch unter der Regie von Mike Mills entstanden, so dass wir den Fehler mittlerweile korrigiert und durch den richtigen Titel „Certain Women“ ersetzt haben.