Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 2. Dezember 2021 – So, 5. Dezember 2021 um 17:00 Uhr
  • Mo, 6. Dezember 2021 – Mi, 8. Dezember 2021 um 21:00 Uhr

Seit 1977 zeichnet ein Mann, Sohn der Zürcher Großbourgeoisie, nachts auf die kargen Betonmauern seiner Stadt und wird deswegen regelmäßig angezeigt. Er revoltiert gegen das saubere, spießige und reiche Zürich. Gegen Umweltverschmutzung, Chemiekonzerne, Kreuzfahrtschiffe, Massentierhaltung. 1979 wird er ertappt. Der Mann heißt Harald Oskar Naegeli. Er ist 39 Jahre alt.

1982 flieht er ins Asyl nach Düsseldorf. Hier unterstützen ihn Künstler und Politiker wie Joseph Beuys und Willy Brandt. 1984 stellt er sich freiwillig der Schweizer Justiz. Ein Prozess, vier Monate Hochsicherheitstrakt in Winterthur, zwei Monate offener Vollzug und Geldstrafen sind die Folge.
Er lebt und arbeitet fortan zwischen Zürich und Düsseldorf, verlegt jedoch 2019 seinen Lebensmittelpunkt wieder ganz nach Zürich, nicht ohne zuvor in Düsseldorf erneut vor Gericht zu stehen. Auf Düsseldorfer Wänden hinterlässt er Flamingos und Striche der Utopie. Sein seit Jahrzehnten gehegter Traum steht kurz vor der Vollendung: ein «Totentanz» in den beiden Türmen des Zürcher Großmünsters. Jedoch greift das Bauamt ein und streitet mit ihm um ein paar Zentimeter. Das Kunstwerk bleibt unvollendet.

Der Corona-Totentanz beginnt weltweit um sich zu greifen. Naegeli, nunmehr 82 Jahre alt, geht wieder auf die Straße, er selbst kämpft gegen Krebs. Der Totentanz ist auch sein eigener und der der Politik. Die Stadt Zürich verleiht ihm 2020 den Großen Kunstpreis für sein Lebenswerk, während der Kanton ihn verklagt. Naegeli, der Urvater der Graffiti-Kunst, polarisiert bis heute.

Abstrakt, utopisch und frei sind seine Arbeiten. Naegeli selbst genauso. Er wird sich von dieser Welt verabschieden, wenn er soweit ist. Nicht verblassen, wie seine Arbeiten, aktiv Schluss machen.
Der Film zeichnet den Werdegang eines vielseitigen, amüsanten Menschen nach, dessen Schaffen weit über die Street Art hinausgeht. Sein künstlerischer Ansatz sowie seine politisch-philosophischen Positionen sind höchst aktuell und anregend. Der Film ist Naegelis Testament und eine Hommage an den Utopisten.
Festival Deutschland und Preise

– Weltpremiere: Zürich Film Festival 2021

– Deutschlandpremiere: Filmfest Hamburg 2021

Filmkritik

Die Regisseurin Nathalie David zeigt in ihrem feinfühligen Portrait Harald Naegelis facettenreiche Persönlichkeit – als visionären, streitbaren Künstler, Rebellen, Philosophen und scharfsinnigen, humorvollen Menschen, der mit seiner Kunst seit jeher die einen empörte und die anderen erfreute. Der Film ist Naegelis Testament und eine Hommage an den Utopisten.

Kunstwerk oder Straftat? Diese Frage provoziert Harald Naegeli, seit er 1977, als es hieß „Züri brännt“,  seine erste Strichfigurenzeichnung an eine öffentliche Mauer sprayte. Während die Staatsanwaltschaft dem Sprayer von Zürich 1983 mit internationalem Haftbefehl auf den Fersen war, ist er für viele andere ein Pionier der Street Art Jahrzehnte vor Banksy. Heute, mit über 80 Jahren, ist er aus dem Düsseldorfer Exil nach Jahrzehnten in seine Heimat zurückgekehrt. Dort erlebt er seine Hassliebe mit der Stadt Zürich wieder. 2020 wieder in Zürich sprayte er während des ersten Covid-19-Lockdowns über fünfzig „Totentänze“ in der Stadt. Der Kanton verklagte ihn, die Stadt verlieh ihm den Großen Kunstpreis.

Die unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem kontrovers diskutierten, vielseitigen und äußerst charismatischen Schweizer Künstler regt zum Nachdenken. Seine Graffiti sind minimalistisch, doch von ästhetischer Wucht. „Mein Lebensimpuls ist das Zeichnen“, verrät er. Die wenigen, gezielt gesetzten Linien verdichten sich zur mehrdimensionalen Bedeutung und erfassen das Dargestellte im Kern. Naegelis Markenzeichen sind menschliche oder tierische schlanke Figuren, die auf den Fassaden, meist in Schwarz, herumtänzeln. Besonders bekannt ist die Totentanzserie. Ein Sensenmann tritt einem fröhlich mit ausgestreckten Gliedern entgegen. Erinnern soll er nicht nur an die Sterblichkeit des Menschen.

„Die Botschaft ist auch achte das Leben“, betont der Künstler. Gleichzeitig prangert er damit die Nichtigkeit kapitalistisch geprägter, überbürokratisierter und schließlich leistungsorientierter Gesellschaftsstrukturen an. Dazu passt ein weiteres häufiges Motiv von Naegeli, nämlich die Wanze. Für ihn repräsentiert sie den Staatsbeamten und dessen parasitäre Natur. Als „Harry Wolke“ schreibt er an die „Freunde der Wolke“ philosophische und rebellische Nachrichten über seine neuesten Graffiti und Zeichnungen, um seine flüchtige Kunst, seine Utopien, etwas länger festzuhalten.

Virtuos schlägt Naegli den Bogen von der Höhlenmalerei über den Totentanz bis hin zu Dadakünstlern wie Hugo Ball und letztlich auch zu Aktionskünstler Joseph Beuys. Der unterstützte ihn auch, als er vor einer Haftstrafe nach Deutschland flüchtete. Filmmaterial aus dem Archiv zeigt seine Fürsprache, um einen Gefängnisaufenthalt zu verhindern. Und auch Politiker wie Willy Brandt versuchten die Behörden umzustimmen. Wenn Naegli in der erhellenden Doku über seine Zeit im Lübecker Gefängnis berichtet, klingt das schier unglaublich.

„Jeder will seine kleine Macht ausüben. Das ist ja so bekannt bei den Beamten“, weiß er. In der Keramikabteilung musste er Teller bemalen und selbst zum Tütenkleben zwang man ihn. Pfiffig wie er war, malte er jedoch in jede Tüte eine kleine Zeichnung – und aus einem von ihm in der Knast-Freizeit bemalten Keramikteller ein weiteres Kunstwerk. Immerhin hängt seit einem Jahr über dem Eingangstor des Züricher Schauspielhauses Schiffsbau ganz offiziell eine Neon-Installation nach einem Entwurf Naegelis. Im Gespräch mit dem Co-Intendanten Benjamin von Bloomberg freut sich der junggebliebene Künstler über diesen Schachzug.

„Meine Figuren provozieren die Menschen zum Nachdenken oder Wegputzen“, sagt Naegli und in seinen Augen blitzt sein typischer Schalk auf. In seinem Züricher Atelier malt er inzwischen auch apokalyptische Bilder. Beeindruckend zeigt das sensible Porträt auch, wie Naegli ganz unprätentiös mit der Endlichkeit seines Daseins umgeht. „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vor der Sterberei“, verrät der krebskranke Künstler. Und zu seinen Graffitis gibt er dem Zuschauer Nachdenkliches mit auf den Weg: „Mein Totentanz läutet die globale Katastrophe, die erst noch kommt, ein. Die Übel, die wir kennen, sind nennbar. Die noch kommen, unbekannt. Es gilt den Barbaren, der immer wieder aufsteht, in Schranken zu halten! Die Kunst ist dabei das beste Mittel!“.

Luitgard Koch (Programmkino.de)