I don’t want your war. Afghanistan 1969. Ein Land, von Kino und Musik gerettet.

  • Film und Livemusik
  • 50 Min
  • Regie: Anna Bavicchi

Vorführungen:

  • Sa, 5. November 2022 – Sa, 5. November 2022 um 19:00 Uhr

 

Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und Kulturbüro der Stadt Dortmund:

Mit der Unterstützung von:

Fotonachweis: Foto 1: Musikgruppe ©Afghanistan 1969;

Foto 2: Einzelbild © Home Movies. Archivio Nazionale del Film di Famiglia.

Es ist wieder Krieg. Nicht in fernen Ländern, sondern in unserer Nähe. Die Idee von „Afghanistan 1969. Ein Land, vom Kino und Musik gerettet“ entstand zu einer Zeit, als Bomben und Todesfälle meilenweit von unserem reichen Europa entfernt stattfanden. Es war ein besonderes filmisches Event, das sich auf einen Dokumentarfilm mit einem alten Super8-Film in den Mittelpunkt stellt. Der Film wurde 1969 in Afghanistan gedreht. Das Land, das wir im Film sehen, gibt es nicht mehr, nicht nur, weil vom Moment der Dreharbeiten bis heute 50 Jahre vergangen sind, sondern vor allem, weil dieses Land in den letzten Jahrzehnten durch zahlreiche Kriege verwüstet wurde und das trotz der so genannten Friedens- oder Sicherheitsmissionen (wie wir letzten Sommer durch dramatische Bilder sehen konnten). Eine grundlegende Sache, die dieser Film uns zeigt, ist ein Land, das noch in Frieden lebt. Heutzutage unvorstellbar.

Der Film ist begleitet von Live-Musik gespielt von vier Musikern aus verschiedenen Ländern, Italien, Irak, Afghanistan. Die Musik ist eine Begegnung zwischen europäischer und orientalischer Musiktradition, die eine konkrete Begegnung und einen Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen zeigt. Diese unglaublichen Bilder zeigen uns, dass es eine andere bessere Realität gegeben hat und so wollte „Afghanistan 1969. Ein Land, vom Kino und Musik gerettet“ eine Art Wunsch sein nach einer neuen möglichen Harmonie für dieses von Kriegen geplagte Land, und auch für alle anderen Länder, die sich im Krieg befanden. Es war ein Wunsch, eine musikalische Geste gegen Unterdrückung und Zerstörung im Namen des Profits, die aber heute noch aktueller und notwendiger geworden ist.

Im Jahr 1969 unternahm eine junge Filmemacherin eine Reise durch Afghanistan. Ihr Name war Anna Bavicchi und sie lebte etwa ein Jahr in dem asiatischen Land. Mit sich führte Bavicchi eine kleine Kamera im Super8-Format, die ihr ermöglichte, viele Momente ihres Aufenthalts in Afghanistan festzuhalten. Und dank dieser Bilder können wir ein ganz anderes Land entdecken als das, das wir heute durch die Medien kennen: das Kriegsland, die Taliban, ISIS, Burka, Rauschgift etc. Die von Bavicchi aufgenommenen Bilder sind für Jahrzehnte in einer Schublade verschlossen geblieben, bis sie beschloss, sie dem „Home Movies-Nationales Familienfilmarchiv in Bologna“ zu überlassen. Aus den von Bavicchi gedrehten Super8-Filmen hat das Bologna-Archiv, das im Laufe der Jahre eine der wichtigsten Organisationen in Europa in dem Feld der Sammlung und Konservierung dieser Materialien geworden ist, einen 45-minütigen Stummfilm erstellt mit dem Titel „Afghanistan 1969“.

Obwohl es den meisten Zuschauern nicht bewusst ist, sind diese Art von Filmen, die sogenannten Schmalfilme, kulturell, historisch und ästhetisch wichtig, weil sie ein Teil der kollektiven Erinnerung sind und uns ein besonderes Portrait der Gesellschaft wiedergeben. Diese Bilder haben die Fähigkeit, die Realität in besonderer Weise zu erfassen. Hierin zeigt sich „der Alltag, der die Geschichte verändert“ und der die Grenzen des Sichtbaren erweitert. Diese Blicke sind weit entfernt von filmischen Blicken, die einen kommerziellen oder institutionellen Charakter haben: die Kinoindustrie, das Fernsehen. In den Bildern aus dem Jahr 1969 sehen wir ein Land, das in Frieden lebt, noch nicht vom Krieg gezeichnet ist, und weit entfernt von unserer europäischen Vorstellung von „Fortschritt“ und „Reichtum“ ist. Die Kamera von Bavicchi filmt auch die riesigen, erstaunlichen Buddhas im Bamiyantal, die 32 Jahre später durch den ikonoklastischen Wahnsinn der Taliban für immer zerstört werden.

Der Film wird von Live-Musik begleitet und die Musik ist gespielt von vier Musikern aus verschiedenen Ländern: zwei italienischen Jazzmusikern, Cosimo Erario (Gitarre) und Alessandro Palmitessa (Klarinette, Saxophon), dem bekannten Djozespieler (Kniegeiger), aus dem Irak Bassem Hawar und dem Afghanen Daud Khan (Robab).

Cosimo Erario
Geboren in Carbonara, Italien, seit einigen Jahren lebt er in Köln. Cosimo Erario spielt bereits mit 7 Jahren Gitarre. Später folgen Studien bei Siena Jazz und bei Ravenna Jazz, u.a. bei Pat Metheny, Mike Stern, Joe Diorio, Scott Henderson, Frank Gambale und Michael Landau. Nach einer langen Deutschlandtournee mit über 300 Gigs mit dem Varieté LA PIAZZA, beschließt Cosimo Erario 1995 in Deutschland zu bleiben. Dort ist er heute u.a. als Gitarrendozent an der „Deutschen Pop Akademie“ aktiv. Im Jahr 2000 gründete er die EGP records, mit dem er mehrere CDs produziert.

Bassem Hawar
Geboren in Baghdad, seit 2000 lebt er in Köln. Er studierte am Konservatorium in Bagdad irakische und orientalische Musik mit Hauptfach Djoze. An der Universität studierte er außerdem Geige und Musikwissenschaft. Mehrere Jahre lang unterrichtete er am Konservatorium und an der Musikschule in Bagdad Djoze, Geige und Musiktheorie. Er spielte in verschiedenen, dem Kulturministerium unterstellten Formationen, wie Al Bayariq, Al Nahar al jadid, Babel und dem staatlichen Sinfonieorchester. Zusammen mit seinem Bruder Saad Mahmood gründete er die Gruppe Melodic. Bassem Hawar baut seine Instrumente selbst. Er entwickelte die Djoze weiter, so dass sie alle Formen arabischer und europäischer Musik spielen kann und nicht auf ihren traditionellen Bereich, den irakischen Maqam begrenzt bleibt. Nach seinem Entwurf werden heute Instrumente als „Bassems Djoze“ gebaut. Sein erstes Projekt in Europa war die Zusammenarbeit mit der niederländischen Jazzformation Yuri Honing Trio. Er ist Mitbegründer der Ensembles Lagash, Ahoar und Sidare, mit denen er in zahlreichen europäischen und einigen asiatischen Ländern konzertierte.
Ahoar gewann 2006 den 1. Preis beim Landeswettbewerb Creole NRW und im folgenden Jahr den Bundeswettbewerb des Weltmusikpreises. Bassem Hawar ist Preisträger des WDR Jazzpreises 2020 Kategorie Musikkulturen.

Alessandro Palmitessa
Geboren in Atina, Italien, lebt er seit einigen Jahren in Köln. Der Klarinettist, Saxophonist und Komponist Alessandro Palmitessa studierte Jazz und klassisches Saxofon zunächst mit einem Diplomabschluss des Konservatoriums Nino Rota in Monopoli (Bari/Italien). Als Stipendiat bei „Siena Jazz“ erlangte er im Anschluss die „High Professional Qualification in Jazz Music and Contemporary Derivation“. Alessandro Palmitessa ist mehrfacher musikalischer Preisträger und spielt in zahlreichen international besetzten Formationen auf internationalen Jazzfestivals. Er leitet das „Menschensinfonieorchester“ und tourt in Europa mit dem japanischen Shibusa Shirazu Orchestra. Sein 2001 initiiertes Projekt „Menschensinfonieorchester“ mit Kölner obdachlosen Musikern

Daud Khan Sadozai
Daud Khan Sadozai ist in Kabul geboren und immigrierte vor über 30 Jahren ins Rheinland. Er lebt in Köln und ist ein Meister auf den klassischen Saiten-instrumenten Robab und Sarod und einer der versiertesten und angesehensten Interpreten nordindischer und afghanischer Musik in Europa. Er erlernte das Robabspiel noch in Afghanistan bei dem bekanntesten Interpreten dieses Instrumentes, Ustad Mohammad Umar.1981 wurde er Meisterschüler des Sarod-Virtuosen Ustad Amjad Ali Khan. Er hat an den renommiertesten europäischen Musikfestivals teilgenommen, mit klassisch-westlichen Ensembles, in Projekten der musikalischen Avantgarde und des Jazz gespielt und wurde in Indien zweimal mit dem Ustad Hafez Ali Khan Award ausgezeichnet.