• DE 2020
  • 94 Min
  • Regie: Leonie Krippendorff
  • FSK: ab 12 Jahren
  • FBW Prädikat besonders wertvoll
  • offizielle Filmseite

Vorführungen:

  • Do, 20. August 2020 – So, 23. August 2020 um 17:00 Uhr
  • Di, 25. August 2020 – Mi, 26. August 2020 um 17:00 Uhr
  • Do, 27. August 2020 – Sa, 29. August 2020 um 19:15 Uhr
  • Di, 1. September 2020 um 21:00 Uhr

Der Sommer 2018 ist der heißeste Sommer in Berlin seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Am Kottbusser Tor in Kreuzberg ist alles noch lauter, stinkender und klebriger als sonst. Durch diesen urbanen Mikrokosmos zwischen Schweiß, Sonnenbrand, abpellender Haut und Straßenlärm bewegt sich die 14-jährige Nora mit ihrer älteren Schwester Jule und deren bester Freundin Aylin. Nach der Schule rauchen die Mädchen Shisha, drehen Handyvideos und hängen im „Café Kotti“ rum, wo sie mit den Jungs aus Jules und Aylins Klasse kiffen und „Fingerkloppe“ spielen.

Nora ist in der Clique ihrer großen Schwester zwar akzeptiert, aber niemand scheint sich wirklich für das zwei Jahre jüngere Mädchen zu interessieren. Trotzdem ist Nora immer dabei, ohne wirklich teilzunehmen. Noras einziges Hobby ist ihre Raupenzucht. Manchmal büxt eine von Noras Raupen aus und kriecht unter Jules Bett, was zum Streit zwischen den Schwestern führt. Wenn Jule und Nora zu Hause im Kühlschrank nichts Essbares finden und ihnen nachts der Magen knurrt, laufen die Schwestern im Schlafanzug über den Kotti bis zu der Kneipe, in der ihre Mutter Vivienne ihre Zeit verbringt wie in einem Wohnzimmer.

Weil sich Nora beim Fingerkloppe-Spielen mit Jules Clique den Arm bricht, kann sie nicht zur bevorstehenden Klassenfahrt mit und muss stattdessen für zwei Wochen in die 10. Klasse ihrer Schwester. Nora fühlt sich unsicher zwischen den älteren Schülern, und ihre große Schwester will in der Schule nicht viel mit ihr zu tun haben. Nachmittags gehen die Mädchen ins Freibad. Als Nora mit Aylin im Wasser balgt, bemerkt sie eine sexuelle Erregung. Nora ist verwirrt von ihren Gefühlen.

Und dann kommt auch noch der Tag, an dem Nora zum ersten Mal ihre Periode bekommt. Auf einmal hat Nora einen Blutfleck auf der Hose, was während des Sportunterrichtes von den anderen bemerkt und laut kommentiert wird. Darauf war sie nicht vorbereitet. Verzweifelt flüchtet Nora aufs Klo, schließt sich in einer Kabine ein und starrt hilflos auf den Blutfleck. Dann klopft es an der Tür. Dahinter steht Romy, ein Mädchen aus Jules Parallelklasse. Obwohl die Mädchen sich nicht kennen, wäscht Romy ganz selbstverständlich das Blut aus Noras Hose und legt sie zum Trocknen aufs Fensterbrett in die Sonne.

Im Freibad sieht Nora das geheimnisvolle Mädchen wieder. Während Jule und Aylin über Romys außergewöhnliches Aussehen lästern, schaut Nora ihr sehnsuchtsvoll nach. Ihre aufkeimenden romantischen und sexuellen Empfindungen für das fremde Mädchen bereiten Nora Kopfzerbrechen. Mit ihrer Schwester kann Nora nicht über ihre Gefühle reden und auch ein Gespräch mit der Sexualkundelehrerin hinterlässt Nora ratlos.

Erst bei der Präsentation einer Schularbeit zum Thema Abstraktion findet Nora Ausdruck für ihre Gefühle. Sie trägt das Gedicht „Der Falter“ von Isabel Tuengerthal vor und projiziert den riesigen Schatten eines kleinen Falters an die Wand: „Wenn der Falter glüht, ist er dann seinem Traum ganz nah oder ist ihm bang? Verflucht er seine Leidenschaft und stemmt die Flügel gegens Licht mit allerletzter Kraft?“ Romy sitzt im Publikum. Zum ersten Mal wird Nora wirklich von jemandem gesehen. Nora und Romy freunden sich an.

Romys selbstverständliches und natürliches Körpergefühl färbt auf Nora ab. Die Mädchen kommen sich immer näher. Mit zwei Freunden brechen sie ins Freibad ein und springen nackt in den Pool. Später begleitet Nora Romy nach Hause. Sie vertraut Romy ihre größte Angst an: dass sich alles Schöne irgendwann als vergänglich erweisen wird. Dann küssen sich die beiden Mädchen zum ersten Mal. Als sie die Schmetterlinge, die inzwischen aus Noras Raupenzucht geschlüpft sind, am See freilassen, schlafen die Mädchen im Schilf das erste Mal miteinander. Am nächsten Tag färben sie Noras Haare und gehen zusammen auf den CSD. Nora geht das erste Mal selbstbewusst und natürlich mit sich und ihrem Körper um und genießt die Liebe zu Romy in vollen Zügen. Doch dann macht Nora auf einer Party eine Beobachtung, die ihre Gefühlswelt ins Wanken bringt.

LEONIE KRIPPENDORFF ÜBER IHREN FILM

„Ich bin Berlinerin.“ Heute ruft dieser Satz oft begeisterte Reaktionen hervor, denn aus einer Stadt zu kommen, die zu den momentan spannendsten der Welt zählt, klingt erst mal toll. Dabei war Berlin für mich und meine Freunde nicht immer ein einfacher Ort zum Aufwachsen. Wir alle hatten chaotische familiäre Hintergründe: Lena wuchs in einer Eckbar auf, Zora vorübergehend im Frauenhaus, bei Alis Vater platzte ständig das Konto und bei Lucas‘ Mutter im Flugzeug die Silikonbrüste. Trotzdem war unsere Kindheit und Jugend eine Zeit der absoluten Freiheit.

Nora wächst 20 Jahre später als ich in Kreuzberg auf. Ihre Generation ist nicht vergleichbar mit meiner. Ich kannte als Teenager keine Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken, und ich bin froh darüber, weil ich meine Identitätsfindung in der Pubertät schon ohne die permanente mediale Sichtbarkeit schwierig genug fand. Für Noras Generation ist diese Sichtbarkeit längst völlig normal. Trotzdem scheint die Pubertät etwas Zeitloses zu sein. Nora beschäftigt sich, zwei Generationen nach mir, immer noch mit den gleichen Themen: Wer bin ich, was ist das für eine Welt, wie möchte ich mich in ihr positionieren und wen will ich lieben?

Die Leerstellen, die diese großen Fragen aufwerfen und die uns oft bis ans Ende unseres Lebens weiter begleiten – denn sie wollen immer wieder neu beantwortet werden –, versucht Noras Generation mit Hilfe des Internets zu füllen. Ihre Generation ist die erste, die mit einer digitalen Selbstverständlichkeit aufwuchs, welche im Erwachsenenalter nicht mehr erlernt werden kann. Dieser Fakt schafft eine unsichtbare Lücke zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen, die als Identifikationsfiguren im Alltag nicht mehr infrage kommen.

Noras sich verändernder Körper kann an nichts anderem abgeglichen werden als an der unerreichbaren, künstlichen Perfektion, die in den Medien und sozialen Netzwerken vom Frau-Sein vermittelt wird und der die Mädchen in Noras Alter gerne entsprechen wollen. Doch Nora empfindet kein Bedürfnis, diesem Frauenbild nachzueifern. Erst als Romy in ihr Leben tritt, findet Nora den Weg zu ihrer eigenen Weiblichkeit – und zu ihrer Liebe.

Ich glaube, „Kokon“ erzählt eine wichtige Geschichte. Es ist eine Geschichte davon, wie befreiend es ist, medial erschaffene Körperbilder abzustreifen um sich das erste Mal wirklich zu spüren. Und eine Geschichte von zwei wilden Berliner Mädchen, die sich ihren Weg durch den „Kreuzberger Dschungel“ schlagen und den Park zum Wald, das Freibad zum Meer und den Sandkasten zum Strand machen.