Matinee: Komm mit mir in das Cinema – Die Gregors (DE 2022)

  • Vorführungen:

    • So, 4. September 2022 um 12:00 Uhr
    • So, 11. September 2022 um 12:00 Uhr

    Ein Leben ohne Kino ist möglich, aber sinnlos. Getreu dieser Devise sind Erika und Ulrich Gregor seit 1957 überall auf der Welt unterwegs gewesen, um ungewöhnliche Filme zu finden und nach Berlin zu holen. In einer assoziativen Montage verbinden sich Filmgeschichte, bundesdeutsche und Berliner Zeitgeschichte mit dem heutigen Leben der Gregors, flankiert von den Aussagen vieler Wegbegleiter.

    Filmemacher und Filmemacherinnen wie Helke Sander, Jutta Brückner, Wim Wenders, Jim Jarmusch, Rosa von Praunheim, Doris Dörrie, Michael Verhoeven, Edgar Reitz, Alexander Kluge, Gerd Conradt und Volker Schlöndorff erzählen von dem Einfluss, den die Gregors auf sie persönlich hatten und zeichnen so ein lebhaftes Bild der Filmkultur von den 60er- und 70er-Jahren, dem Neuen Deutschen Film bis hin zu internationalen Independent Klassikern.

    Mit Archivmaterial und Filmausschnitten aus 40 Filmen wie The Chelsea Girls von Andy Warhol, Das Mädchen aus der Streichholzfabrik von Aki Kaurismäki, Shoah von Claude Lanzmann, Rote Sonne von Rudolf Thome oder Hungerjahre von Jutta Brückner spannt der Film einen weiten Bogen, dessen Zentrum Erika und Ulrich Gregor bilden. Mit ihnen unternehmen wir eine Reise durch 70 Jahre Filmgeschichte und erhalten Einblicke in den Alltag dieses bedeutenden Filmpaares, das seit mehr als 60 Jahren verheiratet ist und immer noch jeden Tag zusammenarbeitet – getreu dem Motto von Bertolt Brecht: „Wer noch lebt, sage nicht niemals“.


    Erika Steinhoff, geboren 1934, geht am 4. Dezember 1957 zufällig zu einer Filmvorführung von „Menschen am Sonntag“ an der Freien Universität in West-Berlin. Ulrich Gregor, geboren 1932, ist Mitglied des Studentenfilmclubs, der diesen Film über das Lebensgefühl im Berlin der 20iger Jahre ausgewählt hat und vorführt. Er leitet die anschließende Filmdiskussion. Erika ist 23 Jahre alt und Ulrich 25 Jahre, sie streiten sich über den Film – und werden ein Paar. Fortan widmen sie sich gemeinsam einer Mission: Filme zeigen.

    Mit Charme, Geschick und Überzeugungsarbeit finden sie Wege, in Ost- und West-Berlin und sonstwo die Standorte der Filmkopien aufzuspüren und sie auszuleihen. Vor dem Mauerfall transportieren sie oft die schweren 35mm Büchsen gemeinsam auf der Vespa quer durch die Stadt. Die Filmvorführungen an der Uni reichen als Plattform nach kurzer Zeit nicht mehr, sie gründen die „Freunde der Deutschen Kinemathek“ und ziehen in die Akademie der Künste um, auch dort reichen die Vorführkapazitäten schon bald nicht mehr. Studentenproteste treffen auf Sowjetische Revolutionsfilme, das deutsche Verleugnen des Nationalsozialismus auf Alain Resnais’ Film „Nacht und Nebel“. Das Programm ist gesellschaftskritisch und gleichzeitig an Filmkunst orientiert.

    1970 eröffnen die Gregors (1960 heirateten Erika und Ulrich) zusammen mit einigen MitstreiterInnen das KINO ARSENAL. Fortan zeigen sie vier Mal täglich Filme, Filme, Filme: alte deutsche Filme der Stummfilmzeit, Oberhausener Manifest, neue deutsche Filme der Jungen Autoren, Arbeiterfilme der 68er Bewegung, lateinamerikanische Filme, russische Filme, polnische französische, ungarische, bulgarische, schwedische, italienische Filme, Filme über das schwarze Amerika, Filme aus Afrika, Filme gegen die Apartheid, Filme über den deutschen Nationalsozialismus, Dokumentarfilme, Spielfilme, Avantgarde-Filme – Filme aus der ganzen Welt. Die meisten dieser Filme konnte man im Deutschland vor der Digitalisierung einzig und allein im Arsenal ansehen. Das Kino war nahezu immer voll.

    Die BERLINALE, das West-Deutsche Filmfestival, 1950 gegründet, war Ende der 60er Jahre inhaltlich und künstlerisch am Endpunkt. Ein deutscher Film (“OK” von Michael Verhoeven), der sich kritisch über den Vietnamkrieg äußerte, führte zum Abbruch des Festivals. Man wollte die deutsch-amerikanische Freundschaft nicht gefährden. Ein politischer Skandal. Danach musste sich die BERLINALE politisch und künstlerisch der neuen Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche durch die 68er Bewegungen öffnen, sonst hatte sie keine Chance mehr weiter zu bestehen, weder bei den Zuschauer*innen noch bei den Künstler*innen. Die GREGORS wurden vom Berliner Senat mit der Leitung und der Organisation der neu geschaffenen Sektion der Berlinale: DAS INTERNATIONALE FORUM DES JUNGEN FILMS beauftragt. Aus heutiger Sicht weiß man, dass das FORUM die Berlinale nicht nur gerettet hat, sondern zu dem gemacht hat, wofür die BERLINALE weltweit steht: Ein weltoffenes, politisches und künstlerisches Filmfestival. Das ist einzigartig. Ohne die GREGORS, die das FORUM von 1970 – 2000 – also 30 Jahre lang geprägt haben, wäre dies nicht so.

    * Weltpremiere Berlinale Forum 2022

    Über die Wichtigkeit von Filmgesprächen und warum Aufgeben nie eine Option sein darf:

    https://youtu.be/CLfdSrSWyyg

    Über den „Niedergang“ des Kinos und Neustrelitz:

    https://youtu.be/Ktf2_VHUsvs