Vorführungen:

  • Do, 12. September 2019 – Sa, 14. September 2019 um 19:00 Uhr
  • So, 15. September 2019 um 17:00 Uhr
  • Di, 17. September 2019 – Mi, 18. September 2019 um 19:00 Uhr
  • Do, 19. September 2019 – So, 22. September 2019 um 19:00 Uhr
  • Di, 24. September 2019 – Mi, 25. September 2019 um 19:00 Uhr

MEIN LEBEN MIT AMANDA von Mikhaël Hers erzählt wunderbar feinfühlig und berührend vom Zueinanderfinden zweier Menschen, die ungleicher nicht sein könnten. Vor allem die schauspielerische Leistung von Vincent Lacoste, einem der Shooting-Stars des jungen französischen Kinos als David, und der jungen Isaure Multrier als Amanda treffen mitten ins Herz des Zuschauers. Ein kleines Filmjuwel!

Inteview mit Regisseur Mikhael Hers von Claire Vassé

In Ihrem Film DIESES SOMMERGEFÜHL haben Sie sich bereits mit dem Thema „Trauer“ auseinander gesetzt. Nun spielt Trauer in MEIN LEBEN MIT AMANDA eine zentrale Rolle. Der Film handelt von David, der sich nach dem Tod seiner Schwester um seine Nichte kümmern muss.

In meinen letzten Filmen war ich mehr von der melancholischen oder retrospektiven Sicht der Dinge inspiriert. Bei MEIN LEBEN MIT AMANDA war der Ausgangspunkt, das Paris von heute zu zeigen und dabei die Gewalt und das Fragile unserer Zeit einzufangen. Der Film ist mehr in der Gegenwart verankert und präsentiert das alltägliche Leben stärker als DIESES SOMMERGEFÜHL.

Der Film beginnt damit, dass die kleine Amanda alleine vor der Schule auf ihren Onkel wartet, der zu spät kommt. Dieser kurze Moment der Einsamkeit ist eine Vorahnung des späteren Verlustes.

Damit wollte ich auch die Beziehung zwischen Amanda und David beschreiben. Ein Mann, der es nicht mal schafft, seine Nichte pünktlich von der Schule abzuholen, soll später die volle Verantwortung für das Mädchen tragen. Es ist der Anfang einer langen Reise. David ist wie ein großes Kind, das für ein Kind sorgen muss. Dabei scheint die Kleine ihm eine bessere Stütze zu sein, als er ihr. Dieses Zusammenspiel hat mich sehr berührt, weil es auch um Vaterschaft geht, aber eine andere Art von Vaterschaft, eine ungewollte, eine Art vererbte.

Ohne auf die Melancholie Ihrer früheren Filme zu verzichten, haben Sie nun einen melodramatischeren Ton eingeschlagen.

Was die großen Gefühle angeht, ist der Film direkter. Es gibt dieses tragische Ereignis, das einerseits sehr persönlich ist, andererseits aber auch viele betrifft. Ich wollte einen zurückhaltenden Film machen, der gleichzeitig etwas wagt, dabei aber so zugänglich wie möglich ist. Das macht den Film vielleicht so melodramatisch.
Zum Beispiel habe ich mich durch meine Figuren und die dramatischen Momente, die sie durchleben, leiten lassen. Da wollte ich nichts schön färben. Vor allem der Moment, als David seiner Nichte mitteilen muss, dass ihre Mutter gestorben ist. Diese Szene dem Publikum vorzuenthalten, wäre falsche Sensibilität oder unnötige Diskretion gewesen.
Das Vertrauen meiner Schauspieler hat mich sehr ermutigt. Es gab nie einen Moment, in dem es sich falsch anfühlte, wenn Vincent Lacoste oder Isaure Multrier im Film weinten.

Lag es daran, dass Sie diese Emotionen in einem alltäglichen Umfeld haben spielen lassen?

Es ist mir wichtig, meine Filme inmitten der Irrungen und Wirrungen des Lebens zu erden. Sie dürfen aber auch die Rahmenhandlung sprengen. Ich versuche immer, möglichst realistisch zu bleiben, so dass ich alles selbst nachempfinden kann. Trotz meiner Subjektivität hinterfrage ich mich aber ständig, ob es sich auch im echten Leben so abspielen würde. Ich wollte Menschen zeigen, die von Trauer betroffen sind, aber nicht, dass sie in dieser Emotion feststecken. Ein Mensch in Trauer durchlebt unterschiedliche Gefühle, und diese Komplexität wollte ich einfangen. Das Schwanken zwischen traurigen und weniger traurigen, kleinen und großen Glücksgefühlen.

In dieser Hinsicht ist die Szene am Bahnhof beispielhaft. David bricht zusammen und in der nächsten Szene sehen wir ihn wieder bei der Arbeit.

Diese Szene gab es nicht im Skript – das war eine der wenigen, die wir spontan gedreht haben. Ich wollte einfangen, wie David von seinem Leid übermannt wird, mitten im Getümmel. Unter all diesen vielen Menschen, die ihren Weg fortsetzen oder ihren Zug erwischen wollen. Truffaut sagte einmal, dass Kino wie das echte Leben ist, nur ohne Stau. Ich liebe Truffaut, aber ich denke auch, dass Film dem Stau eine Rolle geben sollte. Man kann ihn auch emotional einbinden. Ich habe das Gefühl, dass ich durch Banalitäten der Wahrheit näher komme als durch Spektakel.

Spiegelt sich die gezielte Darstellung der großen Gefühle in Ihrer ästhetischen Umsetzung wider?

Ich hatte das Gefühl, dass sie mich meinen Figuren sehr nahe gebracht haben. Es gibt viele Nahaufnahmen von Gesichtern und weniger Kamerafahrten an unterschiedlichen Locations. Kurzgesagt, ich wollte, dass der Film so echt und einfach wie möglich wird.

In Ihrem Film ist Paris sehr lebendig, aber nie sehr touristisch.

Das war mir sehr wichtig. Ich wollte keinen Stadtteil einer sozialen Schicht zuordnen. Ich wollte das kulturell gemischte Paris zeigen, das normale Paris, das alltägliche Paris, eine Stadt mit der sich jeder identifizieren kann. Es ist großartig, eine erfundene Geschichte mit der Realität zu verweben. Die Fiktion mit dem alltäglichen Leben verschmelzen zu lassen. Ich wäre am liebsten noch viel weiter gegangen, aber leider wird es immer schwieriger, in Paris zu drehen und die Masse an Menschen darin einzubinden.

Trotzdem gibt es nach dem Terroranschlag Bilder vom Postkarten-Paris mit der Seine und ihren Schiffen, von unbekümmerten Touristen.

Es ging darum zu zeigen, dass, wenn dir etwas Tragisches widerfährt, sich die Welt um dich herum weiter dreht. Das Leben um einen herum geht weiter. David und Amanda sind in einer tragischen Situation, als ihnen die Touristen vom Boot aus zuwinken. Das ist brutal und trotzdem schön. Es ist das Leben mit all seinen komischen Situationen. In der nächsten Szene sind wir in einem leeren Paris, so wie es am Tag nach den Anschlägen vom 13. November war.

Gab es das Bedürfnis, etwas von der Gewalttätigkeit unserer Zeit einzufangen, die auf die Anschläge von 2015 zurückgeführt werden kann?

Die Anschläge sind nur teilweise der Auslöser der heutigen Gewalt. Man sollte das Thema weiter fassen. Die Anschläge passen in eine Zeit, in der den Menschen Orientierungspunkte fehlen, und die ihnen bewusst macht, wie fragil und zerbrechlich ihr Leben ist. Ich hatte mehrere Geschichten im Kopf: Das Paris der Gegenwart; ein junger Mann, der noch nicht erwachsen ist, und ein kleines Kind, die sich gegenseitig dabei helfen, zurechtzukommen; die Anschläge vom 13. November. Im Film fügen sich diese verschiedenen Puzzleteile auf fast geheimnisvolle Weise zusammen. Plötzlich entsteht da diese Struktur der Geschichte, die zwingend und unvermeidlich ist.

Warum wollten Sie einen Film über die Anschläge machen?

MEIN LEBEN MIT AMANDA ist weder ein Film über die Anschläge, noch über den islamistischen Terror. Aber diese Themen nicht zu zeigen oder sie zu benennen (die Szene im Café mit Raja) wäre nicht möglich. Es ging darum, den richtigen Weg und die richtige Zeit dafür zu finden. Nach dem 13. November sind wir in einer Bilderflut versunken, immer die gleichen Bilder in Endlosschleife. Nachrichtenbilder, die alles noch unbegreiflicher machten, statt zu helfen, uns selbst ein Bild vom Geschehenen zu machen. Auf meinem bescheidenen Level sollte der Film dem entgegenwirken.

Paradoxerweise wirkt gerade dieses Ereignis in Ihrem Film eher irreal.

Ja, das liegt wahrscheinlich am stimmigen Spätnachmittagslicht und daran, dass wir es aus Davids Perspektive erleben. Er gleitet förmlich in das ruhige Parkareal, nachdem er die hektische Innenstadt von Paris hinter sich gelassen hat. Wir schweben quasi auf einer Wolke zum Ort des Anschlags, als ob alle Welt bereits weiß, was passiert ist, nur wir und David nicht.

In Ihrem Film sieht man Fahrradtouren und Reisen, die unternommen werden. Man bekommt das Gefühl, dass sich hier auch der Wunsch widerspiegelt, nach den Anschlägen Orte zurückzuerobern. Wenn auch unter anderen Voraussetzungen, etwa einer erhöhten Sicherheitsstufe.

Die Anschläge hatten einen großen Einfluss darauf, wie sich Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung verhalten. Zwar unbewusst, aber unleugbar mit all den Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt diese Angst vor einer Schießerei, wann immer man einen Knall hört. Dieses Gefühl der Unsicherheit, das einen beschleicht, wenn man im Café sitzt oder an einem Platz mit vielen Menschen ist. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass man bei einem Autounfall ums Leben kommt, ist höher. Aber leider ist es nun auch möglich, von einer Kugel getroffen zu werden. In Paris, in Frankreich oder sonst irgendwo. Ich wollte keinen gesellschafts-kritischen Film über Anschläge machen, aber ich musste diese Bedrohung in meinem Film mit aufnehmen, weil sie zeigt, wie unser Leben damit auf die Probe gestellt wird.

Ihre Darstellung vom alltäglichen Leben ist sehr präzise, dennoch vermeiden Sie es zu realistisch oder dokumentarisch zu werden.

Das ist mein Ziel. Die Einfachheit und das Alltägliche einzufangen und ihnen Schönheit, Lyrisches und Poetisches zu verleihen. Zum Beispiel schläft David in der Wohnung seiner Schwester nicht in ihrem Zimmer, sondern auf dem ausklappbaren Sofa. Obwohl er dort lebt, ist es für ihn unmöglich, ihr Bett zu nehmen, vor allem aus Rücksicht auf seine Nichte. Ihn dabei zu zeigen, wie er das Sofa ausklappt, war mir wichtig. Eine kleine Handlung, die jeder kennt. Genauso wie bei Sandrines Zahnbürste, die er zuerst wegschmeißt und sie dann wieder aus dem Müll fischt.

Warum haben Sie sich für Vincent Lacoste entschieden, der die Rolle des Davids spielt?

In meinem ersten Entwurf war die Figur älter. Als ich es mit meinem Produzenten Pierre Guyard durchgegangen bin, haben wir uns für eine Figur Anfang zwanzig entschieden. Ein junger Erwachsener. In dieser Altersgruppe war Vincent Lacoste unsere eindeutige Wahl. Sein Gesicht, die Art wie er spricht, sanfte Gesten, anmutig und trotzdem leicht ulkig. Es war eine Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er ist faszinierend, hat eine gute Arbeitsmoral und eine tolle Auffassungsgabe, was Details betrifft.

Und Isaure Multrier, die Amanda spielt?

Isaure hatte noch nie zuvor geschauspielert. Unser Caster hat sie auf der Straße entdeckt. Ich habe davon geträumt, ein sehr kindliches Mädchen zu finden, das zugleich auch etwas Erwachsenes an sich hat. Offensichtlich der Spiegel-Effekt im Film, aber auch weil ich festgestellt habe, dass Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, etwas reifer sind. Also habe ich mir Amanda so vorgestellt, dass sie sich sprachlich gut ausdrücken kann, vielleicht sogar besser als eine durchschnittliche 7-Jährige.

Es ist das erste Mal, dass ein Kind eine so zentrale Rolle in einem Ihrer Filme spielt. Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?

Dass man mit einem Kind nur drei bis vier Stunden am Tag drehen darf, hatte einen ziemlichen Einfluss auf die Dreharbeiten. Abgesehen davon ist es das Gleiche wie mit einem Erwachsenen. Und das war wichtig. Ich wollte von Isaure keine Leistung erzielen, in dem ich sie manipuliere. Ich wollte, dass ihr Lachen und ihre Tränen durch den Prozess entstehen. Durch eine Entwicklung, nicht als Ergebnis von psychologischem Druck. Isaure hat das Skript gelesen. Sie war sich der Geschichte voll und ganz bewusst. Sie hatte einen sehr ernsthaften und bewussten Zugang zum Film. Die Konzentration und das Vertrauen, das sie uns entgegenbrachte, waren unglaublich berührend.

Und das Casting der anderen Schauspielerinnen?

Als ich mich für Stacy Martin, die Léna spielt, entschieden habe, musste ich meine Komfortzone verlassen. Ihre Ausdrucksweise und ihre Spieltechniken waren mir anfangs gar nicht vertraut. Aber ich wollte mich auch Neuem und einer neuen Herangehensweise, was Dialoge betrifft, stellen. Stacy hat eine einzigartige Stimme, und es gefällt mir sehr, wie sie den Film damit bereichert hat. Mit Ophelia Kolb, die Sandrine spielt, war es vertrauter. Ich war mit ihrer Art zu spielen schon vertraut. Daher haben wir uns gleich verstanden. Sie brachte eine eindrucksvolle Lebendigkeit mit, die der Film absolut braucht. Die Tante war vielleicht etwas zu elegant im Drehbuch angelegt. Marianne Basler hat dem exzentrischen Charakter aber etwas Einfachheit und Menschlichkeit verleihen können. Und für Alison, Davids und Sandrines Mutter: Für sie haben wir nach einer englischsprachigen Schauspielerin gesucht, die auch auf Französisch umswitchen kann. So wie Marianne hat Greta Scacchi etwas sehr Glaubhaftes und Berührendes eingebracht, das über das Klischee der überschwänglichen, rastlosen Mutter hinausgeht. Abgesehen von ihrer Entscheidung, getrennt von ihren Kindern zu leben. Und sie ist eine Filmikone der 90er-Jahre, mit der ich groß geworden bin.

Der Film endet im London Park, wo vorher das Wiedersehen von David und seiner Mutter stattfand. Aber es könnte genauso auch ein anderer Park an einem anderen Ort sein.

Ja, weil das Licht in der Schlussszene viel heller ist, als es im Park während des Wiedersehens war. Auch Amanda, David und seine Mutter sind nicht mehr im Bild. Das war für mich wichtig. Nach den Morden zu Beginn, die die Filmhandlung unterbrechen und der Geschichte eine andere Richtung geben, endet der Film mit Aufnahmen des alltäglichen, normalen Lebens und einem strahlenden Moment im Park.