Mit 20 wirst du sterben (OmU) (Bundesstart)

    • SD 2019
    • 105 Min
    • Regie: Amjad Abu Alala
    • FSK: keine Angabe
    • Originalfassung mit deutschen Untertiteln (OmU)
    • offizielle Filmseite

    Vorführungen:

    • Do, 25. August 2022 – So, 28. August 2022 um 17:00 Uhr
    • Mo, 29. August 2022 – Mi, 31. August 2022 um 17:00 Uhr

    DARSTELLER:

    Mustafa Shehata, Islam Mubarak, Mahmoud Elsaraj, Bunna Khalid


    AUS DEM INHALT:

    In farbenfrohen Bildern erzählt Amjad Abu Alala eine berührende Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität. Mit seinem ersten Spielfilm wollte der sudanesische Regisseur zu seinen Wurzeln zurückkehren. Amjad Abu Alala ist ein sudanesischer Regisseur und Produzent. Er studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Emirates University, realisierte mehrere Dokumentarfilme fürs Fernsehen und vier Kurzfilme. Mit „You Will Die at Twenty“ gibt er sein Spielfilmdebüt, das bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig und beim Toronto Film Festival gezeigt wurde. Der Film war Sudans erster Beitrag für den Oscar. Er lief dort 2021 als sudanesischer Beitrag im Rennen um den besten internationalen Film.

    Interview mit Regisseur Amjad Abu Alala

    Was hat Sie zum Filmemachen bewegt?
    Ich bin 37, ich bin Sudanese, und bin mit sudanesischer Nationalität in Dubai aufgewachsen. Als ich ein Teenager war, verbrachte ich fünf Jahre im Sudan, und mein Film hat viel mit dieser Zeit zu tun. Dort habe ich mich ins Kino verliebt, als ich zum ersten Mal einen Film des verstorbenen ägyptischen Filmemachers Youssef Chanine sah. Ich begann, nach all seinen anderen Filmen zu suchen und dann nach Werken anderer Regisseure. Später, an der Universität in Dubai, stand den Studenten eine Kamera zur Verfügung, die ich für meine ersten Kurzfilme nutzte.

    War der Dreh dieses Filmes ein Weg, eine Verbindung zu Ihren sudanesischen Wurzeln aufzubauen?
    Sicherlich. In Dubai aufzuwachsen hat mir dabei geholfen, die Filmindustrie zu verstehen und Leute kennenzulernen. Ich habe eine Filmproduktionsfirma gegründet und einige Kurzfilme von anderen Regisseuren produziert. Zur gleichen Zeit wunderte ich mich darüber, dass das sudanesische Kino vollkommen still steht: Die ältere Generation wartete vergeblich auf Geld von der Regierung. Aber die jüngere Generation sah neue Wege.
    Ab 2009 begannen wir Workshops bei der Sudan Film Factory zu veranstalten, und 2014 hielten wir das erste Sudan Independent Filmfestival in Khartoum ab, dessen Programm ich mit großer Freude mache. Im Sudan können junge aufstrebende Filmemacher nur arabische oder US-amerikanische kommerzielle Filme sehen: Sie spüren eine enorme Lücke zwischen dem, was sie sehen und dem, was sie machen möchten. Die Idee war es, ein Fenster zu öffnen, und eine andere Art Kino aus ihrer eigenen Welt zu zeigen. Die Regierung ließ uns weitermachen: Offiziell unterstützten sie uns, aber ihre konkrete Art der Unterstützung war schlichtweg, das Festival nicht zu verbieten!

    Woher kommt das Thema für „Mit 20 wirst du sterben“?
    Ursprünglich gibt es eine Kurzgeschichte eines sehr bekannten sudanesischen Schriftstellers und Aktivisten, Hammour Ziada. Er lebt in Ägypten, da er vor 10 Jahren aus dem Sudan verbannt worden ist… Ich habe seine Geschichte 2016 gelesen und wusste sofort, dass sie meinen Debütfilm inspirieren würde. Die Geschichte erinnert mich stark an meine Kindheit – ich bin ein sehr fröhlicher Mensch, ich liebe das Leben, ich rede zu viel, ich trinke Alkohol, ich liebe es zu feiern etc. Aber unbewusst habe ich immer das Thema Tod in meinem Kopf. Als ich ein Kind im Sudan war, starb mein bester Freund, und drei Monate später eine meiner Tanten. Diese zwei Todesfälle haben mich stark getroffen. Ich bin ein sehr stilles Kind geworden, habe wochenlang nicht gesprochen, fing dann wieder an zu sprechen, aber nur sehr wenig, bis ich an die Universität ging und das Theater und Kino entdeckte. Da fing ich wieder an zu reden – und habe seitdem nicht aufgehört!

    Würden Sie sagen, dass der Film eine Fabel dafür ist, was Menschen davon abhält, ihr Leben richtig zu leben?
    Der Film beschäftigt sich damit, wie sehr ein starker Glaube Menschenleben beeinflussen kann, und wie das manchmal politisch ausgenutzt wird. Die Regierung unter Umar al-Bashir nutzte den Islam, um den Menschen den Mund zu verbieten – wenn du sagst: „Gott sagt:“, spricht keiner mehr.
    Mein Film ist eine Einladung für die Freiheit. Nichts und niemand kann dir jemals sagen: Das ist dein Schicksal, es steht irgendwo geschrieben. Du musst selber entscheiden, wie dein Leben sein wird. Das ist, was Suleiman versucht, Muzamil beizubringen.
    Suleiman sagt, man muss Sünden erleben, um den richtigen Weg zu erkennen…
    Warum um Entschuldigung bitten, bevor man den Fehler gemacht hat? Mach den Fehler und bereue ihn später. Suleiman will, dass Muzamil sein Leben lebt: ein Leben voll von Gutem und Schlechtem, in dem dir keiner sagt, was der richtige Weg ist. Du musst das Leben erleben, um zu wissen, wer du bist.

    Spielt die Geschichte im heutigen Sudan? Ist das Dorf realitätsgetreu?
    Wir haben im Dorf meines Vaters gedreht, wo wir früher Ferien gemacht haben. Und abgesehen davon, dass wir hier und da Farben verändert haben, haben wir nichts gebaut, das ist das Dorf, so wie es ist. Die Kurzgeschichte spielt da, wo Hammour Ziada aufgewachsen ist, im Norden des Landes, in der Nähe der ägyptischen Grenze. Ich sagte ihm, ich wolle sie zu mir holen, in die Mitte des Landes. Es war hier sogar noch wahrer, weil der Sufismus, diese mystische Art des Islam, sehr stark in dieser Region vertreten ist, im Gegensatz zum Salafismus: Die Zeremonie, bei der der Derwisch zusammenbricht, ist Sufismus. Das Dorf liegt drei Stunden südlich von Khartum, es ist Teil des Landes zwischen den zwei Nilströmen: Dem Blauen Nil, den wir im Film sehen, und dem Weißen Nil, die in Khartum aufeinandertreffen und zum großen Nil werden.

    Woher kommen die Bilder, die Suleiman Muzamil zeigt?Diese Aufnahmen vom Sudan vor dem Islamischen Regime stammen aus einem Dokumentarfilm namens „Khartum“, von einem bekannten Filmemacher, Jadallah Jubarra, gestorben 2008. Wir sehen Menschen in Khartum tanzen… Die Leute waren frei vor 1989, als die Islamische Regierung jede Bar schloss, und die nationale Kinoinstitution stilllegte… Unter der Religionsmaxime wurde der Sudan für 30 Jahre ein dunkler Ort.

    Im Frühling 2019 hat der Sudan endlich Umar al-Bashir abgesetzt, der das Land seit dem 1989er Coup führte. Ist der Film ein Aufruf an die sudanesische Bevölkerung, ein Ruf nach Freiheit?
    Muzamil’s Rennen am Schluss ist eine Metapher dafür, was die sudanesischen Menschen gerade tun! Auch wenn wir uns immer noch mit dem Militär auseinandersetzen müssen. Ich habe das Drehbuch vor der Revolution geschrieben, aber Freiheit war schon immer mein Thema. Wir haben Mitte Dezember mit dem Dreh angefangen, am gleichen Tag als der erste Funke der Revolution ganz im Norden des Sudan aufkam, in Atbara. Jeder am Set war so aufgeregt. Sogar die Ausländer, und vor allem die Franzosen, waren leidenschaftlich. Der Geruch der Freiheit lag überall an unserem Set in der Luft. Im April verließ ich die Post-Produktion in Kairo, um in den Sudan zurückzukehren und Teil des Geschehens zu sein. Ich habe 2 Monate dort verbracht. Ich war am 6. April in Khartum, als das große Sit-In begann, das ein paar Wochen später brutal vom Militär beendet wurde. Die meisten aus meiner Crew waren da und wurden schwer geschlagen, einer meiner Freunde war unter den Opfern. Natürlich hat das alles den Film beeinflusst. Ein Beispiel: Das erste Mal, das Muzamil zu Suleiman nach Hause kommt, hört er ein Lied. Ich hatte darüber nachgedacht, ein französisches Lied von Charles Aznavour zu spielen, La Bohême. Aber dann änderte ich es und wählte ein Lied von Muhammad Wardi aus, das die Hymne der Revolution 1983 gewesen war und das man in diesem April überall in Khartum hörte. Wardi war ein kommunistischer Sänger, in Afrika sehr bekannt, der aus dem Sudan verbannt worden war. Der Text geht ungefähr so: „Wir sind alle inspiriert von Revolution… und wir werden bekommen, was wir verdienen.“

    Erzählen Sie uns von Ihrem Cast und dem Filmteam…
    Es gibt keine Filmindustrie im Sudan, deshalb auch fast keine Filmschauspieler. Aber ich brauchte nur für Muzamils und Suleimans Rollen professionelle Schauspieler. Für Muzamil traf ich 150 Jungen, und am zweiten Tag erschien Mustafa… Ich baute eine internationale Crew auf. Aber wenn die Department Heads Ausländer waren, waren die Assistenten sudanesisch: Ich wollte, dass sudanesische Techniker lernen, wie man Filme macht. Ich wünsche mir eine Wiedergeburt der sudanesischen Filmindustrie so sehr. Mein Film ist erst der achte Spielfilm in Feature-Länge, der im Sudan produziert wurde!


    PREISE:

    • Festspiele Venedig 2019 – LION OF THE FUTURE “LUIGI DE LAURENTIIS” Preis für Debütfilm
    • El Gouna Film Festival 2019 – Bester Film
    • Guanajuato IFF – Special Jury Mention
    • Odesa IFF 2020 – Special Jury Mention für beste Filmmusik
    • Malmö Arab FF 2020 – Beste Regie