• IR/GB 2019
  • Doku: Originalfassung mit deutschen Voiceover und ggf. Untertiteln
  • Regie: Seamus Murphy
  • 90 Min
  • FSK: ab 6 Jahren
PJ Harvey

Vorführungen:

  • So, 17. November 2019 um 12:30 Uhr
  • So, 24. November 2019 um 12:30 Uhr

Sondervorstellung in nur zwei Sonntagsmatinees am 17. und 24. November um jeweils 12.30h. Regulärer Eintritt.

Ein Kindergesicht drückt sich neugierig an die Fensterscheibe eines Autos, in dem die britische Musikerin PJ Harvey und der Fotojournalist und Filmemacher Seamus Murphy sitzen. Sie sind in Kabul, Afghanistan, einer von drei Stationen, die sie neben dem Kosovo und Washington D.C. bereisen. Harvey ist auf der Suche nach Inspiration, sammelt Eindrücke und Worte, beobachtet, lauscht, nimmt auf. Ihre Gedanken sind im Voice-over zu hören. Es ist die Chronik einer Fremden, deren aufmerksamer Blick sich auf Alltag und Realität an den von ihr bereisten Orten richtet. Aus Inspiration werden Gedichte, aus denen Songs für ihr Album „The Hope Six Demolition Project“ entstehen. In einem eigens erbauten Studio in London spielt PJ Harvey die Songs mit ihrer Band ein. Das Studio fungiert als Guckkasten, durch dessen Einwegfenster interessiertes Publikum den Vorgang beobachten kann.

Seamus Murphy übersetzt die Spurensuche und den intimen künstlerischen Prozess, den die Musikerin durchläuft, in poetische, beeindruckend montierte Bilder, ohne ihr jemals ihre enigmatische Aura zu nehmen. Die Vision des Künstlers und der Künstlerin verbinden sich in A Dog Called Money zu einer außergewöhnlichen Symbiose.

Regiestatement

„Ich habe gehört, vor 20 Jahren konnte man mit Kugeln bezahlen, um ins Kino zu kommen.“ Diese obskure Information ist bezeichnend für die Dinge, die man in der aufgeheizten Stimmung eines Krieges mitbekommt. Es sind auch die ersten Worte, die PJ Harvey (oder Polly, wie ich sie nenne) in PJ HARVEY – A DOG CALLED MONEY spricht. Erstmals hörte ich davon, als ich mich 1994 als Fotojournalist auf meiner ersten Reise durch Afghanistan während eines schrecklichen Bürgerkrieges befand. Ich muss Polly davon erzählt haben, als wir 2012 zusammen in Kabul waren. Wenn ich jetzt höre, wie Polly diese Zeile liest, ist es nach all den Jahren, als würde eine alte Geschichte, ein Mythos wieder lebendig werden.

Es war einer von vielen Einträgen, die Polly während unserer Reise in ihr Notizbuch schrieb. Ihre Notizen bestanden aus Zitaten, Kritzeleien und unmittelbaren Eindrücken sowie aus Anweisungen an sich selbst, wie sie die Songs singen sollte, die sie unterwegs zu Papier brachte.

Polly aus ihrem Notizbuch vorlesen zu lassen, wurde zu einem roten Faden des Films. Ich konnte auf diesem Weg disparate Elemente des Projekts miteinander verknüpfen. Wir sind für den Film an drei unterschiedliche, sehr individuelle Orte gereist, um die dortigen Geschichten aufzunehmen. Aus den Notizen wurden schließlich die Songs für ihr Album, das sie im Keller des Somerset House in London aufnahm. Die Aufnahme selbst war eine fünfwöchige Kunstinstallation, zu der die Öffentlichkeit eingeladen wurde, um den Entstehungsprozess des Albums durch verspiegelte Fenster zu beobachten. Der Ursprung der Songs und die Entwicklung, die sie nehmen, ist der Handlungsbogen des Films.

Polly und ich wollten, dass unser gemeinsames Projekt aus einem Buch mit ihren Gedichten und meinen Fotografien sowie einem Album von ihr und einem Film von mir besteht. Wir wollten an Orte gehen, die uns interessierten, die für uns von Bedeutung waren. Wir wollten eine gemeinsame Erfahrung machen, aber individuell arbeiten. Denn Schreiben und Drehen sind sehr unterschiedliche Praktiken.

Ich hatte in den späten 90er-Jahren über den Krieg im Kosovo berichtet und war 2004 noch mal zurückgekehrt. Polly hatte bereits auf Basis meiner Fotografien ein paar Texte geschrieben. Die Einladung, den Kosovo zu besuchen, kam überraschend: Das Dokufest, ein lebhaftes Filmfestival in Prizren – einer Großstadt im Süden des Kosovo –, lud uns ein, meine zwölf Kurzfilme zu „Let England Shake“ zu präsentieren. Nach dem Festival verbrachten wir einige Tage damit, umherzureisen. In der Bevölkerung spürten wir Unzufriedenheit über die Gegenwart und Wut über die Vergangenheit.

Als Endpunkt unserer Reise entschieden wir uns für Washington DC, das Zentrum westlicher Macht. Eine Stadt, in der wesentliche Entscheidungen über das Schicksal von Ländern auf der ganzen Welt gefällt werden. Wichtig war uns aber auch – wie schon im Kosovo und in Afghanistan –, wie Washington mit den eigenen Leuten umgeht. Im südöstlichen Teil der Stadt gibt es Orte mit schweren sozialen Problemen. 2014 gingen wir nach Anacostia, ein paar Metro-Stationen entfernt vom Weißen Haus und von Capitol Hill. Wir liefen durch die Straßen und begegneten Leuten, die auf einer Veranda Karten spielten. Eine junge Frau namens Paunie, voller Selbstvertrauen und Charisma, schien die natürliche Anführerin der Truppe zu sein. Diese Leute und deren Lebenssituation fanden ihren Weg in einige Songs. Ich lernte Paunie und ihre Clique bei weiteren Besuchen nach DC besser kennen. Während dieser Zeit wählte Amerika auch einen neuen Präsidenten.

Das Tonstudio in Somerset House, in dem Pollys Album aufgenommen wurde, wurde als Raum in einem größeren Raum gebaut – mit Spiegelglas, durch das es dem Publikum ermöglicht wird, bei der Entstehung des Albums zuzusehen und zuzuhören, ohne die Musiker zu stören. Alle im Studio trugen Mikros am Kragen, damit das Publikum jedes Wort, jeden Scherz und jedes Geräusch hörte. Ich filmte alles. Um das natürliche, intime Material zu bekommen, das ich wollte, musste ich mich selbst aus dem Prozess ausklammern, idealerweise unsichtbar für die Musiker werden. Ich bat sie darum, mich und die Kamera zu vergessen. Sie durften durch die Kamera laufen oder vor der Kamera stehen und sollten nicht das Gefühl haben, die Aufnahme zu verderben – denn all das war ein Teil davon.

PJ Harvey

PJ Harvey ist eine der renommiertesten Musikinterpretinnen weltweit. Seit Beginn ihrer Karriere konnte sie als Komponistin, Multiinstrumentalistin, Texterin, Sängerin und Dichterin globale Aufmerksamkeit erregen. Harvey hat bisher neun hochgelobte Alben veröffentlicht und war schon für sechs Grammys nominiert. Sie ist die einzige Künstlerin, die bereits zweimal mit dem prestigeträchtigen Mercury Music Prize ausgezeichnet wurde. 2013 erhielt sie den Order of the British Empire für ihre Verdienste um die Musik.

2011 begann Harvey damit, mit dem Fotojournalisten Seamus Murphy für ihr achtes Studioalbum „Let England Shake“ zusammenzuarbeiten, wofür Murphy zwölf Kurzfilme in Szene setzte. Zu einer weiteren Zusammenarbeit kam es, als die beiden durch den Kosovo, durch Afghanistan und durch die Umgebung der US-Hauptstadt Washington DC reisten, wo Harvey Worte sammelte und Murphy Bilder. Daraus ging sowohl Harveys neuntes Studioalbum „The Hope Six Demolition Project“ hervor als auch Harveys erster Gedichtband „The Hollow of the Hand“, das mit Murphys Fotografien bebildert wurde, und schließlich Murphys Dokumentarfilm PJ HARVEY – A DOG CALLED MONEY, der seine Weltpremiere bei den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin feierte.

Harvey hat Musik zu diversen Film-, Fernseh- und Radioprojekten beigesteuert, etwa zur zweiten Staffel der Serie „Peaky Blinders“, zu den BBC-Radio-4-Produktionen „Eurydice und Orpheus“ von Simon Armitage und „Orpheus und Eurydice“ von Linda Marshall Griffiths sowie zu Julian Schnabels Biopic „Basquiat“. Zudem lieferte sie den Score zu Theaterproduktionen von Ian Rickson, darunter „The Goat“, „The Nest“ und „Electra“, sowie zu Ivo van Hoves „All About Eve“.