Reise nach Jerusalem

Vorführungen:

  • Do, 6. Dezember 2018 um 19:00 Uhr
  • Sa, 8. Dezember 2018 – So, 9. Dezember 2018 um 19:00 Uhr
  • Di, 11. Dezember 2018 – Mi, 12. Dezember 2018 um 21:00 Uhr

 

Eigentlich war Alice (Eva Löbau) in ihrem Job als Texterin immer erfolgreich. Doch als Freelancerin ist man nicht davor gefeit, auch mal auf die Schnauze zu fallen. Seit Monaten nimmt ihre Zahl an Auftraggebern ab, mittlerweile ist sie Dauergast auf dem Arbeitsmarkt. Hier unternimmt Alice alles, um möglichst schnell wieder Arbeit zu finden. Doch weder die Amtsmitarbeiter, noch ihre Eltern sind ihr dabei eine Hilfe. Also schleppt sich die 38-jährige von Maßnahme zu Maßnahme, schreibt Bewerbungen, verdient sich durch Produkttests was dazu und kann doch nicht verhindern, dass ihre Bezüge gekürzt werden. Das alles wäre ja nur halb so schlimm, wenn Alice nicht auch noch versuchen müsste, den schönen Schein von der unabhängigen Selbstständigen aufrechtzuerhalten. Doch in ihrem Freundeskreis scheinen ohnehin alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, als dass sich irgendjemand für ihre Probleme interessieren würde…

Keine überstilisierten Probleme, kein großes Drama, kein konstruierter Konflikt – nein, „Reise nach Jerusalem“ erzählt einfach nur den Alltag vieler Menschen nach. Menschen, die durch widrige Umstände ihren Job verloren haben. Wie Alice. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“-Star Eva Löbau schlüpft in die Rolle einer Frau, mit der sich viele Menschen identifizieren können. Sie ist das Opfer der Umstände, eines unübersichtlichen Arbeitsmarktes, kaum nachvollziehbarer Entscheidungen und ihrem Versuch, sich als Selbstständige ihre eigene Existenz aufzubauen. Als das scheitert, bricht Alice innerlich zusammen, muss sich und ihrem Ego zuliebe aber so tun, als wäre das alles gar nicht passiert, respektive nur halb so schlimm. Das ganz große Drama gibt es so gesehen also doch – nur die italienische Regisseurin und Drehbuchautorin Lucia Chiarla („Bye Bye Belusconi!“) lässt dieses ausschließlich im Inneren ihre Protagonistin stattfinden. Einer Protagonistin, die auf der Leinwand eine knapp zweistündige Tour de Force durchlebt, die über die kleinen Dinge ihren ganzen Schrecken entfaltet.

Wenn dem Leiter der Maßnahme Alices Nase nicht passt, muss sich diese vor versammelter Mannschaft schikanieren lassen – muckt sie auf, werden ihre Bezüge gekürzt. Ihre verzweifelten Eltern raten ihr zu einer Branche, mit der Alice überhaupt nichts anfangen kann; wohl wissend, dass ihre Tochter darin zwar nicht glücklich wird, sie dadurch aber immerhin endlich wieder Arbeit und damit verbunden auch Geld hätte. Und wenn Alice im Supermarkt buchstäblich jeden Cent zusammenkratzt, weil ihr Konto tief im Minus steckt und sie sich aber unbedingt noch diese eine Packung Kekse gönnen will, dass bohren sich die Blicke der Umständen nicht bloß ganz tief in Alices Seele, sondern auch wir wissen plötzlich ganz genau, wie unangenehm sich das alles gerade anfühlen muss. Dazu bei trägt die smarte Kameraarbeit von Ralf Noack („Desaster“), der draufhält, bis es unangenehm wird, immer ganz nah an seiner Protagonistin bleibt und sie trotzdem permanent wie ein aus dem Rahmen fallendes Puzzleteil in der Umgebung platziert – diese Frau scheint ihren Platz in der Gesellschaft längst verloren zu haben.