Wir sind dann wohl die Angehörigen (Bundesstart)

  • Vorführungen:

    • Do, 3. November 2022 – So, 6. November 2022 um 19:00 Uhr
    • Mo, 7. November 2022 um 20:00 Uhr
    • Di, 8. November 2022 – Mi, 9. November 2022 um 19:00 Uhr
    • Do, 10. November 2022 – So, 13. November 2022 um 19:00 Uhr
    • Mo, 14. November 2022 – Mi, 16. November 2022 um 17:00 Uhr

    Darsteller: Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi, Hans Löw, Yorck Dippe, Enno Trebs, Philipp Hauß, Fabian Hinrichs


    WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN ist die Geschichte einer Familie im Ausnahmezustand. Hans-Christian Schmid erzählt den Entführungsfall Jan Philipp Reemtsma nach dem autobiographischen Roman von Johann Scheerer erstmals aus der Sicht der Angehörigen. Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit Michael Gutmann, mit dem er unter anderem bereits bei LICHTER, 23 und CRAZY zusammengearbeitet hat.

    FILMKRITIK:

    Am 25. März 1996 wurde in Hamburg der Erbe der Zigarettendynastie Jan Philipp Reemtsma entführt. Nach 33 Tagen wurde er nach Zahlung eines Lösegelds von 30 Millionen Mark freigelassen, schrieb bald das Buch „Im Keller“ über seinen Leidensweg. Während der Entführung hatten sich die deutschen Medien an die Bitte von Familie und Polizei gehalten, nicht zu berichten, um das Leben Reemtsmas nicht zu gefährden. Nach dessen Freilassung war die Zurückhaltung vorbei, ausgiebig wurde über missglückte Geldübergaben und mögliches Versagen der Polizei geschrieben, ohne dass endgültig Klarheit über die Ereignisse erzielt wurde.

    Wie es Reemtsmas Frau Ann Kathrin Scheerer und dem gemeinsamen Sohn Johann während und nach der Entführung gegangen ist, wurde dagegen kaum thematisiert. Ganz einfach wird das Leben des damals 13-jährigen Johanns nicht gewesen sein, weder vor- noch nachher. Mit dem Abstand von über 20 Jahren schrieb Scheerer 2018 sein Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“, das nun die Basis für Hans-Christian Schmids Film bildet.

    Gleich zu Beginn deutet eine Szene das gespannte Verhältnis des pubertierenden Sohnes mit seinem übermächtig wirkenden, intellektuellen, wohlhabenden Vater an. Latein soll gelernt werden, was für den bildungsbürgerlichen Vater eine Selbstverständlichkeit darstellt, für den Sohn dagegen unnützes Wissen. Im Streit geht man am Abend auseinander, am nächsten Morgen ist der Vater entführt.

    Mit den Angehörigenbetreuern Vera und Nickel ziehen zwei Männer in das Haus der Reemtsmas ein, die zwischen den Stühlen sitzen. Im Laufe der Tage, die mit dem Warten auf Anrufe der Entführer und dem Bangen um das Leben Reemtsmas vergehen, entwickelt sich notgedrungen eine Beziehung zu Johann und seiner Mutter. Die aber immer wieder durch polizeiliche Notwendigkeiten durchbrochen wird, den Versuch, den Tätern auf die Spur zu kommen.

    Auch in Christian Schneider, einem Freund der Familie, hat Johann eine Art Ersatzvater, der ihm emotional viel näher zu stehen scheint, als sein wirklicher Vater. Dennoch steht der übermächtige Jan Philipp Reemtsma immer im Raum, es dreht sich – natürlich – alles um ihn, während der Sohn sich an den Rand gedrängt sieht, von der Treppe aus zuhört, was die Erwachsenen reden.

    Noch verkompliziert wird das Geschehen durch einen unterschwellig angedeuteten Konflikt zwischen der bürgerlich-intellektuellen Welt der Reemtsmas, zu der auch ihr Anwalt Johann Schwenn zählt, und der pragmatisch-rationalen der Polizei. Beide Seiten glauben besser zu wissen als die andere, was das Beste für Reemtsma ist, dabei sind ihre Interessen zwar nicht diametral unterschiedlich, aber doch nicht identisch. Während die Familie nur hofft, dass Reemtsma frei kommt, hat die Polizei auch ein großes Interesse daran, dass die Täter gefasst werden.

    Mit großer Genauigkeit beobachtet Hans-Christian Schmid diese Strukturen, enthält sich dabei stets einem Urteil über das Handeln der Akteure. Stehen Anfangs noch deutlicher Johann und seine Mutter im Mittelpunkt, entwickelt sich die zweite Hälfte zunehmend zu einem Polizeifilm, in dem die schließlich doch geglückte Geldübergabe fast minutiös nachgezeichnet wird. Wie ein solches unglaubliches, einschneidendes Ereignis die Familie, aber auch die anderen Beteiligten prägt, wird in den 120 Minuten von „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ spürbar deutlich. Die Familie  Reemtsma-Scheerer jedenfalls dürfte nach der Entführung nicht mehr die selbe gewesen sein.

    Michael Meyns (Programmkino.de)

    30. Filmfest Hamburg 2022 · Eröffnungsfilm

    -Einer der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle – mal aus anderer Perspektive. (…) Durch den Blick von Frau und Sohn wir das Leid der Angehörigen spürbar. » filmstarts.de

    -Ein stiller, ein genauer Film, zugewandt, aber zugleich ungeschönt. » Hamburger Abendblatt

    – … spannendes und dramaturgisch dichtes deutsches Gegenwartskino. » Film Rezensionen

    -Mit einem genauen Blick für die kleinen Momente. » NDR Hamburg Journal