Shane (Doku) (Preview am 14.8.2020 um 21h) (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Sa, 14. August 2021 um 21:00 Uhr
  • Do, 19. August 2021 – So, 22. August 2021 um 21:00 Uhr
  • Di, 24. August 2021 – Mi, 25. August 2021 um 21:00 Uhr
  • Fr, 27. August 2021 um 19:00 Uhr
  • So, 29. August 2021 um 21:00 Uhr
  • Di, 31. August 2021 um 17:00 Uhr

FILMKRITIK:

„Fairytale of New York“ hieß der 1987 veröffentlichte größte Hit der irischen Folk-Punk Band The Pogues, der eine endlose Tour nach sich zog, die nicht nur das Ende der Band einläutete. Zu diesem Zeitpunk hatte der 1957 geborene Shane MacGowan schon eine Alkoholkarriere hinter sich, die 26 Jahre gedauert hatte und ja, wenn man nachrechnet, bedeutet das, das er mit vier Jahren mit dem Trinken begonnen hat.

Seine Tante habe ihm im Herzen Irlands, in der Region Tipperary, Bier eingeflößt, um ihn, ganz gute Katholikin, vor dem Teufel zu bewahren. Mit zehn soll MacGowan seinen ersten Whiskey getrunken haben, im Teenageralter kamen Drogen wie Speed und LSD hinzu, später auch Heroin. Ob dieser Mann trotz oder wegen seines enormen Alkohol- und Drogenkonsums – es gibt kaum eine Aufnahme MacGowans auf dem er nicht Kippe und/ oder Glas in der Hand hat – zu einem der größten Musiker seiner Zeit wurde lässt sich wohl kaum beantworten.

Ohne Frage entspricht er perfekt dem Klischee vom irischen Trunkenbold, wie es gerade in England lange aufrechterhalten wurde. Das MacGowan in England geboren wurde und nur wenige Jahre tatsächlich in Irland gelebt hat, dient Julien Temple als Ausgangspunkt seiner reich bebilderten Dokumentation. Mit unzähligen Aufnahmen aus Wochenschauen, Spielfilmen, später auch Bildern von MacGowans und seinen Bands, zeichnet er das Leben eines Mannes nach, der seine eigene Legende schuf und damit den Blick auf seine irische Heimat veränderte.

Dass MacGowan auch Sympathien für die IRA hegte mag auf den ersten Blick verstören, kann aber nicht überraschen, gerade wenn man sich vor Augen hält, dass der Kampf der IRA gegen die britischen Besatzer durchaus als kolonialer Befreiungskampf gegen imperialistische Unterdrücker betrachtet werden kann. Das Wesen der irischen Seele wollte MacGowan mit seiner Musik, seinen Texten hochhalten, stellte dem Anfang der 80er Jahre grassierenden künstlichen New Wave-Sound eine Rückbesinnung auf traditionelle Musikinstrumente wie die Harmonika, das Banjo und die Tin Whistle entgegen. Ergänzt wurden diese klassischen Folk-Rhythmen mit Texten, die durch und durch Irisch waren, gälische Begriffe verwendeten, vor allem aber auch Ur-Irische Themen wie die große Hungersnot thematisierten. So wie Yeats oder Joyce in der Literatur, so war MacGowan in der Musik ein Nationalist im positiven Sinn, der schon in jungen Jahren mit einem Akzent sprach, der für Nichtiren kaum verständlich war.

Dass er auch in aktuellen Szenen der Dokumentation untertitelt werden muss, hat traurigere Gründe. Jahrzehnte des Alkohol- und Drogenkonsums, dazu ein Sturz, der ihn an den Rollstuhl fesselt, haben MacGowan zu einem körperlichen Wrack gemacht, der fortwährend nach rechts gebeugt sitzt und seine Worte mehr lallt als artikuliert.

Man kann es schonungslos nennen, wie Julien Temple MacGowan zeigt, vielleicht aber auch ehrlich. Der Regisseur von Musik-Biographien über die Sex Pistols und Joe Strumner stand vor der schwierigen Aufgabe, eine Balance zwischen Verklärung und Warnung zu drehen; das Genie MacGowans zu zeigen, aber auch den Wahnsinn eines exzessiven Lebens, das ihn schon mit Ende 50 zu einem Invaliden gemacht hat, dem versagt bleibt, dort zu sein, wo er aufblühte: Auf der Bühne. Denn was nach den zwei Stunden einer ebenso mitreißenden wie erschütternden Dokumentation bleibt, ist die Kraft von Shane MacGowans Musik, die Energie, die er und The Pogues jahrelang auf die Bühne brachten. Ein Happy End mag die Geschichte von Shane MacGowan nicht haben, seine Karriere jedoch hatte etwas märchenhaftes, als wäre sie in einem irischen Pub, zu etlichen Gläsern Whiskey erdacht worden.

Michael Meyns (Programmkino.de)