Shiver (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 23. Juni 2022 – So, 26. Juni 2022 um 18:45 Uhr
  • Mo, 27. Juni 2022 – Mi, 29. Juni 2022 um 17:00 Uhr
  • Mo, 27. Juni 2022 – Mi, 29. Juni 2022 um 20:15 Uhr

DARSTELLER:

Taiko Performing Arts Ensemble, Kodo: Yoshie Abe, Kenta Nakagome, Shogo Komatsuzaki, Yuta Sumiyoshi, Ryoma Tsurumi, Issei Kohira, Masayasu Maeda, Kodai Yoshida, Seita Saegusa, Chihiro Watanabe, Taiyo Onoda, Shun Takuma, Sho Nakatani.


AUS DEM INHALT:

Taiko oder Daiko, übersetzt: „dicke Trommel“, ist die japanische Bezeichnung für eine Gruppe von großen Röhrentrommeln, die mit Schlägeln geschlagen werden. Im Westen bezeichnet man damit auch die Spielweise des entsprechenden Trommel-Ensembles.

Allein durch Klänge und träumerische, bisweilen mystisch-entrückte Bilderwelten porträtiert die Doku „Shiver“ den japanischen Komponisten Koshiro Hino. Gemeinsam mit dem Trommel-Ensemble Kodo erzeugt er kraftvolle, den Körper durchdringende Musik, die mit der Natur verschmelzt. „Shiver“ ist eine eigenwillige, komplexe Mischung aus Dokumentarfilm und experimentellem Musikvideo. Wer sich darauf einlässt, wird Zeuge virtuos gefilmter Performances vor eindrucksvoller Kulisse. Ein Film, der die Themen Folklore, Aberglaube, musikalische Tradition und Rhythmik zusammenbringt.


FILMKRITIK:

Der zeitgenössische japanische Komponist und Musiker Koshiro Hino steht eher für klassische elektronische Musik und synthetische Klänge. Mit der von der Insel Sado stammenden Gruppe Kodo betritt der Künstler gänzlich neue musikalische Wege.
Kodo ist eine Trommelgruppe, die für ihre Kunst große, ursprünglich aus China stammende Trommeln nutzt, Taikos genannt. Für einige Wochen zogen sich Hino und die Kodo-Mitglieder nach Sado zurück, um gemeinsam neue Musik zu komponieren. Regisseur Toshiaki Toyoda begleitete die Zusammenarbeit zwischen den Klangkünstlern, die doch aus so verschiedenen Welten stammen.

Toyoda legt seinen neuesten Film als audiovisuelles Experiment an. Ein unalltäglicher, außergewöhnlicher Mix aus Musikfilm, Performance, Konzert und Doku, der dem Zuschauer drei Aspekte und Inhalte näherbringt. Zum einen die Schönheit und Idylle von Sado, der Heimat der Kodo-Trommler. Darüber hinaus das an eine gewaltige Tempelanlage erinnernde Zentrum der Kodo-Gemeinschaft, in deren Proberäumen Toyoda gefilmt hat. Und zu guter Letzt die Musik der hier agierenden Künstler, die in ihren akribisch einstudierten, beachtlich choreografierten Stücken ihre Trommeln für sich sprechen lassen.

Diese gewaltigen Instrumente bearbeiten die Kodo-Künstler meist mit ihren Holzstäben, gelegentlich benutzen sie aber auch andere Gegenstände oder ihre bloßen Hände. Ebenso kommen andere Percussions-Instrumente (darunter Klanghölzer und Glocken) zum Einsatz oder die Kodo-Künstler klatschen in die Hände. Das Klang-Erlebnis ist beeindruckend und vielseitig, wenn die Trommler und Hino mal traditionelle japanische Rhythmen, mal eigene Stücke präsentieren. Das Spiel der Musiker zeugt von einer enormen körperlichen Kraft, Leidenschaft und Hingabe. Man könnte es als akustische Urgewalt bezeichnen, wenn die Taiko-Spieler über Trommeln jene fast beängstigenden, in jedem Fall einschüchternden Klänge erzeugen.

Passend dazu inszeniert Toyoda die Insel als entrückte, märchenhafte Welt, deren Natur allerdings für eine zum Teil ebensolche Kraft und Gewalt steht. Die Botschaft: Der Mensch steht in beständigem Austausch mit der ihn umgebenden Natur und mit seiner Umwelt. Davon zeugen reißende Ströme, gewaltige und ohrenbetäubend laute Wasserfälle oder die Wellen des Meeres, das die Insel umgibt. Immer wieder sehen wir die Musiker und Künstler inmitten dieser imposanten Kulissen. Dann verschmelzen die visuelle und akustische Ebene miteinander.

Doch die Taiko-Spieler beherrschen ihre Schlaginstrumente auch feinfühliger und sanfter. Sie können ihnen genauso gut zarte Töne entlocken. In einem Musikstück sind darüber hinaus eine Frau und Mann zu hören, es ist eines der wenigen Lieder mit Gesang. Es verdeutlicht die musikalische Bandbreite eines Films, auf den man sich als Betrachter fraglos mit Interesse und Neugier einlassen muss. Gelingt dies, wird man Zeuge einer ganz besonderen audiovisuellen Filmerfahrung, die außerdem auf die suggestive Bildsprache und die surrealen Szenen zurückzuführen ist. Die als Geister- und Götterwesen verkleideten Ensemble-Mitglieder, die hier und da Teil der Inszenierung und Choreografie sind, verdeutlichen die Bedeutung der Tradition, des Glaubens und der Folklore für diese Art der Kunst.

Björn Schneider (Programmkino.de)