The Whale and the Raven – Silver Screen Seniorenfilmclub

Vorführungen:

  • Mo, 2. November 2020 um 19:00 Uhr

Die neue Filmreihe: Silver Server in Kooperation mit dem Scope Institut und sweetSixteen. Ein Filmclub für
Senior*innen in Dortmund und darüber hinaus: Die Idee ist, dass wir gemeinsam gesichtete Filme, die die Beteiligten dann selbst mit Gast und Filmgespräch im Kino präsentieren.

The Whale and the Raven

FILMKRITIK:

Sehr stimmungsvoll, dabei aber unspektakulär und in meditativer Ruhe geht die deutsche Dokumentarfilmerin Mirjam Leuze an ihr Thema heran: das bedrohte Leben von Orcas und Buckelwalen in einem Fjord in British Columbia an der kanadischen Westküste. Dabei stehen die beiden Walforscher Janie Wray und Hermann Meuter im Mittelpunkt. Ihre Biografien sind eng mit den Walen und deren Lebensraum verbunden, der – noch! – vom Rhythmus der Jahreszeiten und vom natürlichen Miteinander zwischen Mensch und Tier geprägt ist. Janie Wray und Hermann Meuter leben am Fjord, wobei Hermann Meuter in einer Art Adlernest auf einem Felsen über dem Wasser wohnt, von wo aus er mit Hilfe von Unterwassermikrofonen Tag und Nacht den Gesang der Wale hören kann. Die beiden Forscher kennen die Tiere manchmal schon viele Jahre und können sie anhand ihrer Schwanzflossen (Fluken) identifizieren.

Doch es drohen massive Eingriffe in das fast unberührte Habitat, wo die Meeresriesen bisher nahezu autonom leben können. Eine Tankerroute für Flüssiggastransporte soll durch den Fjord führen. Noch wird die Stille des Ozeans vor allem durch die Gesänge der Wale unterbrochen, die sich durch Rufe miteinander verständigen. Schon ein einziges Schiff verursacht Geräusche, mit denen die Kommunikation zwischen den Walen gestört wird. Doch die Tanker werden irgendwann kommen, auch wenn die Walforscher gemeinsam mit den First Nations, den indigenen Völkern Kanadas, dagegen kämpfen.

Mirjam Leuze hat keine Angst vor der Stille – sie lässt sich Zeit für Beobachtungen und wechselt häufig die Perspektiven. Manchmal scheint es, sie wolle ihr Publikum hineinziehen in diese andere, schweigsame Welt, in denen nur die knarrenden Bassstimmen der Wale gelegentlich die Stille durchbrechen. Unterwasserbilder zeigen in wunderbaren Bildern, wo die Wale leben: ruhig wogende Pflanzen bedecken den Grund, wie feine grüne Schleier schweben Blattstreifen in Zeitlupe durchs Bild. Merkwürdige Gewächse, Wasserschnecken und Fische bevölkern dieses faszinierende, kühle Universum, in dem es kaum Farbkontraste zu geben scheint, außer durch das Sonnenlicht, das manchmal sanfte Strahlen in die Tiefe schickt. Mit derselben feinfühligen Akribie, die sie der Natur widmet, nimmt Miriam Leuze am Leben der beiden Walforscher teil, begleitet sie auf ihren Wegen, bei der täglichen Arbeit, bei Vorträgen, im Kontakt mit Praktikanten und mit Vertretern der First Nations, den indigenen Bewohnern Kanadas. Die beiden Forscher verbindet mit den First Nations ein ganz besonderes Band, und Mirjam Leuze konnte ihr Filmprojekt nur mit Unterstützung und Mitwirkung der indigenen Bewohner der Region realisieren. Auf diese Weise ist ein einprägsamer, atmosphärisch dichter Film entstanden, der nebenbei von der Erinnerung an Mythen und Bräuche erzählt und vor allem vom Leben am Fjord: Janie Wray allein mit den Walen am Ufer, und vor ihr, nur wenige Meter vom Ufer entfernt, tauchen die gewaltigen Wale auf. Oder Hermann Meuter, mit Kopfhörern am Fenster seiner Blockhütte beim Horchen nach den Stimmen der Wale. Doch die größte Kraft geht von den Bildern aus, die die Wale selbst zeigen – aus der Luft betrachtet beim ruhigen Gleiten durchs Wasser, vom Boot oder vom Ufer aus beim Auftauchen und beim Springen. Dabei werden die Wale so wenig wie möglich in ihrem natürlichen Leben gestört. Dieser respektvolle Ansatz sorgt dafür, dass es kaum Unterwasserbilder von schwimmenden Walen gibt, doch dafür gibt es andere beeindruckende Aufnahmen: sehr ruhige, lange Totalen, die zeigen, wie die Tiere majestätisch durchs Wasser gleiten. Der Fjord bietet ihnen einen idealen Lebensraum und den beiden Forschern bietet er die Möglichkeit, das Leben der Wale, ihre Kommunikation, familiäre Bindungen und letztlich ihre Intelligenz zu erforschen.

Wenn in den Schlusstiteln die beteiligten Wale ihre eigenen Credits bekommen, dann ist das also nicht unbedingt ein Gag, sondern – so wie hier – ein Zeichen dafür, dass es um mehr geht als um Walbeobachtung und Naturforschung. Und tatsächlich sind die beiden Wissenschaftler Janie Wray und Hermann Meuter nicht nur geradezu besessen von ihrer Arbeit, sondern sie haben im Laufe ihrer Forschungsarbeit eine enge Beziehung zu den Riesen des Meeres entwickelt. Janie Wray und Hermann Meuter verfolgen ganz im Sinne der First Nations mit ihren Forschungen einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über Dokumentation und Analyse hinausgeht. Sie betrachten die Wale als gleichberechtigtes Glied in der Kette der natürlichen Abläufe. Damit bereichert der Film die aktuelle Diskussion über eine notwendige Begrenzung des menschlichen Einflusses auf die Umwelt. Obwohl er weder kämpferisch noch lautstark oder provokant an sein Thema herangeht, stellt er doch ein klares Statement dar: für die Natur und gegen kommerzielle Interessen.

Gaby Sikorski