LETsDOK – Zusatzprogramm zum deutschlandweiten Dokumentarfilmtag: Vincent van Gogh – Der Weg nach Courrières (Doku) + Regisseur*innen

  • mit Filmgästen und Gespräch
  • DE 1989
  • 91 Min
  • Regie: Christoph Hübner/Gabriele Voss
  • FSK: ab 0 Jahren
  • FBW Prädikat wertvoll
  • Doku: Originalfassung mit deutschen Voiceover und ggf. Untertiteln
  • offizielle Filmseite
vincent van gogh

Vorführungen:

  • So, 20. September 2020 um 12:30 Uhr

„LETsDOK“ feiert den Dokumentarfilm. Am 19. September 2020 zeigen Kinos in ganz Deutschland Dokumentarfilme auf der großen Leinwand. Nach den Monaten des Lockdowns sollen so der Dokumentarfilm und auch Kinos – unter den dann möglichen Gegebenheiten und Auflagen – als Begegnungsorte belebt und unterstützt werden. Mit der Doku „Vincent van Gogh – Der Weg nach Courrières“ beteiligt sich das sweetSixteen-Kino an dieser Initiative mit einem weiteren Film am 20. September.

Und wir freuen uns sehr, dass zum Film – resp. zum Publikumsgespräch im Anschluss an die Doku –  die Filmemacher*innen Gabriele Voss und Christoph Hübner zu Gast sein werden.

Eintritt „LETsDOK“: 5 €


Ein Film nach Briefen des Malers Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo 1878 – 1885.
Beginnend mit Aufnahmen von der „Jahrhundertversteigerung“ seiner Sonnenblumen im Auktionshaus Christie’s in London, schildert der Film den Weg van Goghs vom Arbeiterpriester zum Maler. Keine der üblichen Filmbiographien über die „Sensationen eines Lebens“ mit abgeschnittenem Ohr und Selbstmord in Auvers, sondern drei Episoden aus der unbekannten frühen Zeit van Goghs, basierend ausschließlich auf Originalbriefen und Berichten von Zeitgenossen. Zugleich führt der Film auf eine dokumentarische Reise durch die Gegenwart der Landschaften und Orte, an denen sich van Gogh damals aufgehalten hat. Kein Nachstellen von Motiven, vielleicht ein ähnliches Interesse, das den Blick lenkt. Das Ergebnis: Ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ein Spielfilm ohne Schauspieler, ein Film über die unbekannten Anfänge eines scheinbar so Bekannten.

DIE STATIONEN
Borinage 1878 – 1880
Nachdem verschiedene Versuche van Goghs als Angestellter einer Kunsthandlung, als Hilfslehrer, als Buchhändler oder Methodistenschüler gescheitert sind, geht er auf eigenen Wunsch in die Borinage, das südliche Kohlerevier, um dort eine Anstellung als Laienprediger zu finden. Aber auch hier wird er nach Beendigung einer dreimonatigen Probezeit von der Kirche nicht weiter beschäftigt. Er bleibt auf eigene Faust in der Borinage und durchlebt eine Zeit größter existenzieller Not.
Auf dem Tiefpunkt unternimmt van Gogh eine Fußwanderung nach Courrières in Nordfrankreich, um einen von ihm bewunderten Maler zu besuchen. Auf dieser Wanderung fällt er eine Entscheidung: „… ich nehme den Bleistift wieder zur Hand“. Noch im selben Jahr verlässt er die Borinage.

Drenthe 1883
Im Herbst 1883 kommt van Gogh in die holländische Moorprovinz Drenthe, nachdem verschiedene Versuche, das Studium der Malerei in Brüssel und im Haag aufzunehmen, erneut gescheitert sind. Auch die Liebe zu seiner Cousine Kae Vos ist zurückgewiesen worden und das Zusammenleben mit der Prostituierten Sien im Haag hat noch mehr Probleme mit sich gebracht. Van Gogh sucht die Einsamkeit, aber in Drenthe wird erst recht deutlich, vor welchen Schwierigkeiten er als Maler steht: Kein Atelier, Pinsel ohne Haare, kein Geld für Farben, von den Menschen als „Landstreicher und Mörder“ angesehen…
Er bleibt kaum drei Monate.

Nuenen 1883 – 1885
Die zu große Einsamkeit und die Geldnot treiben van Gogh zurück ins Elternhaus nach Nuenen/Brabant, wohin sein Vater als Pfarrer versetzt worden ist. Hier kann er sich, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, seiner Malerei widmen. Er zeichnet und malt vor allem Bauern und Weber: „…die Bauerngestalt in ihrer Betätigung wiederzugeben…das ist das eigentliche Kernstück der modernen Kunst“.
Nach zahlreichen Studien entstehen in mehreren Versionen die „Kartoffelesser“, das erste Bild „par coeur“ (aus dem Kopf). Van Gogh verlässt Nuenen, geht über Antwerpen nach Paris, wo der bekanntere Teil seiner Biografie beginnt – hier endet der Film.

DIE LANDSCHAFTEN – HEUTE
Borinage – zu van Goghs Zeiten arbeiteten Tausende in den Zechen der Borinage, die wegen ihrer schlechten Arbeitsbedingungen und vieler Unfälle gefürchtet sind. Heute gibt es keine einzige Zeche mehr. Jeder Dritte ist ohne Arbeit – das Elend der Borinage ist geblieben.

Drenthe – wo früher Moor war, finden sich heute ausgedehnte Maisfelder und Kartoffeläcker. Nur im südöstlichen Winkel von Drenthe, zur deutschen Grenze hin, gibt es heute noch ein paar Moorfelder, die ausgebeutet werden.

Nuenen – heute eher ein Vorort der benachbarten Großstadt Eindhoven. Hauswebereien wie zu Zeiten van Goghs gibt es nicht mehr. Geblieben sind zwei mechanische Webereien in der näheren Umgebung und Landwirtschaft. Maisanbau, Milchviehhaltung und Schweinemast – alles im industriellen Maßstab.

DIE URSPRÜNGE DES FILMS
In schwierigen Zeiten und Zeiten des Zweifels sucht man nach historischen Parallelen. Drei Jahre Filmarbeit in einer Zechensiedlung des Ruhrgebietes hatten viele Fragen zurückgelassen. In dieser Situation begegneten die Filmemacher den Briefen wieder, die van Gogh – 100 Jahre zuvor – aus der Borinage an seinen Bruder Theo geschrieben hatte. Es war, als schriebe einer über heutige Erfahrungen. Daraus entstand die Idee dieses Films.

1985/86 gab es die ersten Konzepte, basierend auf etwa 100 Briefen aus den Jahren 1878 bis 1885. Van Gogh schrieb Zeit seines Lebens mehr als 600 Briefe, vorwiegend an seinen Bruder Theo, der als Angestellter der Kunsthandlung Goupil & Co. in Paris arbeitete und seinen Bruder regelmäßig finanziell unterstützte. Die Briefe, die Theo seinerzeit an Vincent schrieb, gelten – mit wenigen Ausnahmen – als verloren. Etwa 25 der Briefe, die Vincent aus der Borinage, aus Drenthe und aus Nuenen an seinen Bruder Theo schrieb, bilden die „Handlung“ des Films.

Die Recherchen führten in die Borinage, Drenthe und nach Nuenen, aber auch nach Südfrankreich und in die Van-Gogh-Museen in Otterlo und Amsterdam. Motive und mögliche Szenen wurden bei diesen Recherchen mit der Videokamera festgehalten und später zu Entwürfen und filmischen Skizzen probeweise montiert. Es ging dabei nicht um die Dokumentation einer beliebigen Künstlerbiografie. Durch die Aktualität all dessen, was van Gogh vor mehr als 100 Jahren an seinen Bruder Theo schrieb, gewann der Film seine Form.

DIE AUTOR*INNEN
Christoph Hübner, geboren 1948 in Heidelberg, Jurastudium in Heidelberg, Studium an der Filmhochschule München, seit 1975 überwiegend dokumentarische Filme, von Zeit zu Zeit Texte und Fotos.

Gabriele Voss, geboren 1948 in Hagen, Studium in Heidelberg und München. Promotion Dr. phil., seit 1975 Filmarbeiten mit Christoph Hübner.

Pressestimmen

  • „… die Konsequenz, mit der sich die Filmemacher an den unspektakulären Alltag halten, rückt sie in die Nähe zur Suche des Malers nach einem modernen Realismus …“ (die tageszeitung)
  • „… van Gogh sieht uns an, forschend, fragend, wir verstehen ihn jetzt besser, ein bisschen, beginnen zu begreifen, woraus seine Kunst geboren wurde …“ (zitty Berlin)
  • „… in diesem Film bleibt Zeit für’s genaue Sehen und Hören …“ (Bonner Generalanzeiger)