Wintermärchen (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 21. März 2019 – So, 24. März 2019 um 20:45 Uhr
  • Mi, 27. März 2019 um 20:45 Uhr

Deutschland in eisigen Zeiten und ein rechtsradikales Trio im Wahn. Jan Bonnys „Wintermärchen“ ist ein Film, den man sich unbedingt antun muss! Nach dem Cannes-Beitrag „Gegenüber“ begeisterte der zweite Kinofilm des Kölner Regisseurs als einziger deutscher Beitrag im Internationalen Wettbewerb auf dem Locarno Festival 2018.

Regiekommentar
»Das „Wintermärchen“ soll eine Zumutung sein für den Zuschauer, ein Rausch, ein Blick in den Abgrund, den wir uns immer versuchen zu ersparen. Es gibt kein Licht in diesem Film, keine Lehre, es kann nur unser eigenes Denken und Handeln sein, das den Unterschied macht. Die entscheidende Frage ist nicht, wie konnten die drei so werden wie sie sind, was ist der soziale Hintergrund der ,Anderen‘, sondern warum kann das einfach so einfach sein.

„Wintermärchen“ verweist als Titel zum einen auf Heinrich Heine, dessen Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, als eine Erinnerung an sein „Wintermärchen“. »Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber der Wind riss von den Bäumen das Laub, da reist ich nach Deutschland hinüber.« Zum anderen ist „Wintermärchen“ ein Verweis auf das blödsinnige „Sommermärchen“, die WM 2006 in Deutschland, die uns das Fahnenschwenken, und die verkrampfte neue nationale Entspanntheit der Deutschen gebracht hat. Die Frage ist erlaubt, ob das alles so unschuldig war und ist. In diesem Sinne ist „Wintermärchen“ ein dunkles Märchen, eine schmutzige Fantasie.« Jan Bonny

»Ein ebenso ungewöhnliches wie herausragendes Stück Deutsches Kino.«
programmkino.de

»Radikales Kino begeistert in Locarno. Nach dem NSU-Schocker„Wintermärchen“ muss sich
das deutsche Kino an neue Maßstäbe der politischen wie auch der persönlichen Dringlichkeit
gewöhnen. Ein unbedingt hässlicher Film.«
Spiegel Online

»Auf der Spur von Neonazis zeigt Jan Bonnys „Wintermärchen“ als einziger deutscher
Wettbewerbsbeitrag in Locarno die Hölle, die das Leben sein kann, wenn man keine Macht hat.
Keine Totale, keine Rettung. An den Rechtsextremen kommen wir nicht vorbei.«
critic.de

»Mit erbarmungsloser Vehemenz erzählt.«
kino-zeit.de

„Wintermärchen“ ist eine Produktion der Heimatfilm, gefördert durch Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und Film- und Medienstiftung NRW. Im Verleih von W-film Distribution.
Festivals / Filmpreise

-2018: Around the World in 14 Films, Berlin
-2018: Film Festvial Cologne, Gewinner: Filmpreis NRW Bester Spielfilm
-2018: Heimspiel Film Festival, Regensburg
-2018: Kinofest Lünen, Sektion: EXTRA Deutschland
-2018: Locarno Festival, Wettbewerb
-2018: São Paulo International Film Festival

FILMKRITIK:

Becky  und Tommi leben im Untergrund und träumen vom Kampf gegen Ausländer. Doch weder Anschläge klappen, noch der Sex zwischen dem Paar, das offenbar schon länger zusammenlebt und es kaum noch zusammen aushält. Zwar hält sich Tommi für den Anführer, doch Becky lässt keine Gelegenheit aus, ihn spüren zu lassen, für was für ein Weichei sie ihn hält.

Die Dynamik ändert sich, als Maik dazu stößt und aus dem Duo ein Trio wird, das sich schnell in einer toxischen Dreiecksbeziehung wiederfindet. Angesichts des selbstbewussten, virilen Maik, der schnell mit Becky im Bett landet, findet sich Tommi zunehmend in der Rolle des Beobachters wieder, eine Rolle, die ihm, dem latent masochistischen durchaus gefällt.

Nach ersten Anschlägen, Überfällen und Morden steigert sich das Trio in immer neue Exzesse, feiert ausgelassen und hemmungslos und spielt unterschiedliche Beziehungsformen durch. Schließlich haben auch Tommi und Maik Sex, was wiederum Becky stört und fast zum Auseinanderbrechen der Terrorzelle führt.

Jan Bonny hat es seinem Publikum noch nie leicht gemacht. Leichte, sympathische Filme dreht er nicht, schon sein Debüt „Gegenüber“ sezierte auf schonungslose Weise die Beziehung zwischen einem Polizisten und seiner Frau, auch sein jüngster Polizeiruf „Das Gespenst der Freiheit“ – zum Teil eine Vorstudie für „Wintermärchen“ – lotete den Zusammenhang zwischen Sex und Gewalt aus, doch so weit wie hier ist er noch nie gegangen. Vor allem, dass er die Exzesse der Terrorzelle, ihre Ausländerfeindlichkeit, ihre Morde an willkürlichen Personen neutral und ohne moralische Wertung zeigt, dürfte auf einigen Widerstand stoßen.

Doch gerade der Versuch, zu verstehen, wie es innerhalb einer so speziellen Struktur wie einer Terrorzelle zugeht, wie sich drei äußerlich ganz durchschnittliche Menschen in einen Rausch steigern, der Tote fordert, ist ein künstlerisch ebenso spannendes wie ambitioniertes Unterfangen. Für das es mutige Darsteller bedarf, denn über die zwei Stunden des Films hält die Kamera von Benjamin Loeb unerbittlich auf das Trio drauf, filmt in langen Einstellungen Unterhaltungen, Gewalt, Sex, die zunehmende Selbstzerfleischung. Mit größter Offenheit, die manchmal hart an die Grenze des Exhibitionismus stößt, spielt das Hauptdarstellertrio, füllt ihre Rollen bis an die Schmerzgrenze aus und manchmal auch darüber hinaus. Ein bisschen zu oft arten die Diskussionen dabei in hysterisches, unverständliches Geschreie aus, doch vielleicht ist auch dies nur ein weiteres Mittel, den Zuschauer mit Szenen zu konfrontieren, die man eigentlich nicht freiwillig sehen will. Angenehm anzusehen ist „Wintermärchen“ in keinem Moment, aber in seiner wuchtigen, intensiven Art ein ebenso ungewöhnliches wie herausragendes Stück Deutsches Kino.

Michael Meyns (Programmkino.de)