Winterreise (Bundesstart)

  • Vorführungen:

    • Do, 5. November 2020 – So, 8. November 2020 um 17:00 Uhr
    • Mo, 9. November 2020 – Di, 10. November 2020 um 17:00 Uhr
    • Mi, 11. November 2020 um 19:30 Uhr

    Mit: András Bálint, Harvey Friedman, Bruno Ganz, Dani Levy, Izabella Nagy, Leonard Scheicher, Fritzi Uhrig

    Martin Goldsmith wuchs als ein gewöhnlicher amerikanischer Junge auf. Aber von seiner Kindheit an hing ein großer Schatten über der Familie. Der bekannte Radiomoderator wusste nur, dass seine Eltern, beide säkulare Juden, aus Deutschland stammten und dass seine Verwandtschaft im zweiten Weltkrieg gestorben sei. Für seine Eltern hatte in Amerika ein neues Leben angefangen – ein Leben, in dem man keine Frage über die Vergangenheit stellt. Erst als erwachsener Mann, nach dem Tod seiner Mutter, brach Martin den Bann und befragte seinen Vater zu der deutschen Vergangenheit seiner Eltern und der gesamten Familie in den 30er Jahren.
    Die Gespräche zwischen Vater und Sohn erwecken die schöne und schmerzhafte Geschichte der Eltern über Liebe, Musik und Tod in Berlin der Kriegsjahre zum Leben. Beide waren begabte Musiker, Günther noch ganz am Beginn seiner Karriere, Rosemarie schon Orchestermusikerin. Aber nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 konnten sie nur noch als Mitglieder des Jüdischen Kulturbundes auftreten, einer fragwürdigen Organisation, die vollständig von der Reichskulturkammer kontrolliert wurde.

    Der Film folgt den Gesprächen zwischen Vater und Sohn, während sich die Vergangenheit der Familie mit raffiniert bearbeitetem Archivmaterial entfaltet, entsteht in der Gegenwart des Films eine langsame Annäherung zwischen Vater und Sohn, die sich anfühlt wie die Überwindung eines riesigen Grabens aus ungesagten Worten. In Sprache und Land, Heimat und Kultur waren die beiden einander fremd geblieben.
    Martin Goldsmith ist selbst zu hören als Gesprächspartner seines Vaters, der in WINTERREISE von Bruno Ganz in seiner letzten, sehr intensiven Rolle verkörpert wird. Der Film beruht auf dem Buch, das Martin Goldsmith nach den Gesprächen mit seinem Vater schrieb: „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte“ (Real Fction)

    FILMKRITIK:

    Martin Goldsmith, heute ein erfolgreicher Radiomoderator und Autor in den USA, wusste über seine Eltern und Verwandten lange nur sehr wenig. Nur, dass sein Vater und seine Mutter beide deutschstämmig waren (der Vater stammte aus Oldenburg) und ein Großteil seiner Familie im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam. Nachdem seine Mutter gestorben war begann er, seinen Vater zur Vergangenheit der Familie im Deutschland der 1930er auszufragen.

    Mit der NS-Schreckensherrschaft begann für die Juden in Deutschland die Zeit der Unterdrückung und Entrechtung. Goldsmiths Eltern, die 1941 vor den Nazis nach Arizona flüchteten, waren hochtalentierte und leidenschaftliche Musiker. In Berlin konnten sie ab 1935 als Mitglieder des „Kulturbund Deutscher Juden“ dennoch weiter musizieren. Bei dem Künstlerbund handelte es sich um eine nur zu Propagandazwecken geduldete Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Sie unterstand vollständig der Kontrolle der Reichskulturkammer und bestand bis 1941. Nach der Flucht in die Staaten versuchten die Goldsmiths einen Neustart. „Winterreise“ folgt dem Sohn auf seinem Weg zurück.

    Im Zentrum dieser unkonventionellen, feinfühligen Annäherung an die eigenen Wurzeln und die Familiengeschichte stehen die Unterredungen zwischen Martin Goldsmith und seinem Vater George Goldsmith (geborener Gunter Goldschmidt). In dessen Rolle schlüpft der große Charaktermime Bruno Ganz. Gekonnt legt er seine Figur als innerlich zerrissenen, zu Beginn immer wieder den Fragen des Sohnes ausweichenden alten Mann an, der mit der Vergangenheit hadert. Im weiteren Verlauf blitzen jedoch die Erinnerungsfetzen auf und es fügen sich die ins Gedächtnis eingebrannten Bilder der Hassparolen an jüdischen Geschäften, der Verfolgung und Ausgrenzung allmählich zu einem großen Ganzen. Dem dänischen Regisseur Anders Østergaard gelingt es so, das Puzzle Stück um Stück zusammenzusetzen.

    Goldsmith schreckt nicht davor zurück, seinem Vater gleichsam unbequeme, unangenehme Fragen zu stellen. Wie hat es sich angefühlt, für einen NS-geführten Kulturverein zu musizieren? Wieso hat der Vater die Flötisten-Laufbahn in den USA beendet? Und wie konnte er so lange in den USA ausharren – ohne die geliebte Musik und trotz des Verlusts der Heimat? Bruno Ganz macht mit seinem dringlichen, mimisch facettenreichen und sehr emotionalen Spiel klar: Einfache, kurze Antworten auf diese komplexen Fragen gibt es nicht. Dabei werden die Diskussionen durchaus auch mal etwas lauter, es wird gerungen und hitzig debattiert. Meinungsverschiedenheiten sind Teil dieser „familiären Reise“.

    Dass Østergaard ebenso die künstlerischen, inszenatorischen Experimente nicht scheut, beweist er mit der Verschränkung von Dokumentation und Fiktion. Nachgestellte schwarz-weiß-Spielszenen aus Georges Leben verschmelzen mit Original-Fotos. Die Spielszenen vermitteln einen Eindruck davon, wie es gewesen sein könnte. Auch wie die Kommunikation, Verhaltensweisen sowie die Ereignisse im privaten Raum während der sich für die Juden verschlimmernden Lage möglicherweise aussahen. Hinzu kommen seltene Familien- und Archiv-Fotografien sowie eine passende musikalische Untermalung (natürlich von Georges Lieblingskomponisten), die das stimmige Gesamtbild abrunden.

    Björn Schneider (Programmkino.de)

    Pressekritiken:

    „Film der Woche“ Der Freitag

    „Ein eindringlicher Film mit kluger Dramaturgie, bestechender Verknüpfung von Dokumentarischem und Spielszenen sowie einem großartigen Hauptdarsteller Bruno Ganz…Raffiniertes Filmkunstwerk“ Der Freitag

    „Ein aufwühlender, ungewöhnlicher, wehmütiger Blick auf ein kulturelles Erbe, das von Barbaren ausgelöscht wurde…Technisch brillant fließen diese Erzählebenen ineinander, mitunter tauchen die Protagonisten in Archivaufnahmen auf und bewegen sich in den Kulissen. ´Winterreise´ besticht aber nicht nur deswegen, sondern wegen des Ansatzes: Wie im Buch wird nicht nur von der Flucht aus einer Terror-Diktatur erzählt, sondern vom Alltag der Juden in dieser Diktatur…Hervorragend“ Münchner Merkur

    „Ganz zeigt vielmehr mit jedem Wimpernschlag, jeder Geste der knochigen Finger, jeder zögernden Intonation und jedem altbübisch aufblitzenden Schalklächeln eine erdachte, erfühlte, erforschte Figur: eine Authentizität nicht aus zweiter Hand, sondern hoch zwei. Er ist ein nach Arizona verschlagener Europäer, ein Musiker, den das Exil 30 Jahre lang zum Möbelhändler gemacht hat. Der Vater eines uramerikanischen Nachkriegskinds, das ihn zur eigenen Verwunderung oder Verwundung über jede verdrängende Ironie hinweg zur späten, erinnernden Trauerarbeit bringt. Im doppelten Sinne: bewegend.“ Tagesspiegel

    „…virtuose Mischung aus Interviews, Originalaufnahmen und nachgestellten Szenen…Die Antworten, die der Film findet, sind nicht immer eindeutig, aber sie klingen lange nach – wie Schuberts ‚Winterreise'“ Süddeutsche Zeitung

    „…ausführliche Aufarbeitung der ambivalenten Rolle des Kulturbunds Deutscher Juden.“ filmdienst

    „Bruno Ganz verkörpert im Film sehr ergreifend den inzwischen als Witwer allein lebenden Vater, der nur unter den bohrenden Fragen seines Sohnes die Schrecken der Vergangenheit zurück ins Gedächtnis kommen lässt.“ dpa

    „Die künstlerische Verspieltheit, mit der der Regisseur dabei ans Werk geht, entspricht dem Wesen des großen Schauspielers, der hier in seiner letzten Rolle zu sehen ist.“ Indiekino

    „Zugleich gelingt es Østergaard dieser inszenierten und doch höchst privaten Filmerzählung über Musik, Identität und die Gräuel des Nationalsozialismus einen Blick abzugewinnen, der nicht nur einmal mehr bekannte historische Ereignisse neu betrachtet, sondern dabei das Fremde im Eigenen zu orten versteht.“ Indiekino

    „Innovatives Doku-Drama“ tip Berlin

    „Die beiden Bücher, die Martin Goldsmith über die Gespräche mit seinem Vater schrieb, sind die Grundlage des Films ´Winterreise´, einem Doku-Essay von Anders Østergaard und Erzsébet Rácz, der Archiv-Material, Reenactments (in denen Bruno Ganz in seiner letzten Rolle den Vater spielt) und kleine Spielszenen auf eine innovative Weise mit historischen Fotos verquickt.“ tip Berlin

    „Ein erschütternder Film über deutsch-jüdische Vergangenheit und das Trauma der Zweiten Generation: dass die Eltern nicht reden wollten…Østergaard unterwandert dabei die Regeln des Dokumentarischen ganz bewusst.“ Berliner Morgenpost

    „In seiner letzten Rolle überhaupt ist jetzt noch einmal Bruno Ganz in seiner ganzen Magie zu erleben. In dem inszenierten Dokumentarfilm „Winterreise“ (Filmpalette, Odeon) des dänischen Regisseurs Anders Østergaard findet die virtuose Beiläufigkeit seines Schauspiels noch einmal zu einem letzten Glanzpunkt. Ganz spielt den realen Günther Goldschmidt, der 1941 vor den Nazis in die USA floh, Sohn Martin (Harvey Friedman) konfrontiert ihn mit der lange geheim gehaltenen Familiengeschichte. Verblüffend authentisch wirken die teilweise auf VHS gedrehten Gespräche zwischen Vater und Sohn, gekonnt integriert sich das Archivmaterial über das Leben des begnadeten Musikers, der als Mitglied des Jüdischen Kulturbundes von den Nazis zunächst für Propagandazwecke geduldet war. Ein ungewöhnliches und gelungenes Dokumentarfilm-Projekt.“ choices.de

    „In seiner Mischung aus dokumentarischem Material und gespielten Szenen ist Winterreise ein interessanter, spannungsreicher Ansatz, sich mit Historie auseinanderzusetzen.“ Kino-zeit.de

    „Bruno Ganz brilliert dabei mit seiner introvertierten Interpretation eines Mannes, der viele Erinnerungen tief vergraben hat, um weiterleben zu können.“ Kino-zeit.de

    „Ein eindringlicher Film“ BR

    „Ein eindringlich, schmerzhaft schöner Film mit Bruno Ganz in seiner letzten Rolle, eine Rolle, die nachhallt.“ Inforadio rbb

    „Der dänische Regisseur Anders Østergard verknüpft die inszenierten Gespräche, fantasiereich bearbeitetes Archivmaterial und nachgestellte Szenen zu einem Kaleidoskop über die traurige Vergangenheit der Familie.“ RND

    „Bruno Ganz zeigt in ´Winterreise´ eine überragende letzte Leistung“ tag24

    „Bruno Ganz brilliert in der Rolle des Vaters, der an die Schrecken der Vergangenheit erinnert…Wie der 2019 verstorbene Schweizer Schauspieler hier mit wenigen Gesten und beredter, melancholischer Mimik die Schrecken der Vergangenheit der Goldsmiths erahnen lässt, ist noch einmal ganz große Darstellerkunst.“ KSTA

    „Der dänische Regisseur vermischt auch sonst sehr subtil Fakt und Fiktion, Dokumentar- und Spielfilmelemente. Goldsmiths Erinnerungen an seine Jugend in Deutschland illustriert er nur selten mit gängigen historischen Filmaufnahmen aus den Archiven…Ostergaards Inszenierung von Goldsmiths Erinnerungen wirkt zwar stets lebendig, gleitet aber nie ins Illusionskino ab. Stattdessen erweist sie sich als Paradebeispiel für die erfolgreiche Anwendung des guten alten Verfremdungseffektes von Berthold Brecht: Das Publikum soll zwar auch fühlen, vor allem aber denken.“ taz Nord

    „Informativ und spannend.“ Cinema