Wir könnten genauso gut tot sein (Bundesstart)

  • Vorführungen:

    • Do, 29. September 2022 – Fr, 30. September 2022 um 20:30 Uhr

    DARSTELLER:
    Magdalena Wolff, Charlene Gürntke, Lina Mareike Zopfs, Ioana Iacob, Pola Geiger, Jörg Schüttauf, Şiir Eloğlu, Moritz Jahn, Susanne Wuest, Knut Berger, Mina Özlem Sagdiç,Cristin König, Jörg Pose, Rita Feldmeier, Lara-Sophie Milagro


    SYNOPSIS:
    Die Sicherheitsbeauftragte Anna lebt mit ihrer Tochter Iris in einem mit allen Bequemlichkeiten des Lebens ausgestatteten Hochhaus am Waldrand. Hier zu leben, abgeschirmt von einer gefahrvollen Umwelt, ist das Ziel. Doch als der Hund des Hausmeisters Gerti verschwindet, kriecht die Angst unter der Türschwelle ins Haus. Iris ist überzeugt davon, dass ihr böser Blick für das Verschwinden des Hundes verantwortlich ist, und schließt sich im Badezimmer ein. Um Iris zu beweisen, dass ihre Ängste unbegründet sind, beginnt Anna mit der Suche nach dem verschwundenen Hund.

    Die Nachbarn finden Annas Verhalten verdächtig: Sie sind überzeugt, dass Gertis Hund eines gewaltsamen Todes gestorben ist und die Angst vor dem unbekannten Mörder breitet sich unter den Bewohner*innen aus. Eine freiwillige Bürgerwehr gründet sich. Als Anna versucht, die Nachbarn zur Vernunft zu bringen, werden Ermittlungen gegen sie aufgenommen. Der Druck steigt und Annas Lage wird immer aussichtsloser. Wie weit ist sie bereit zu gehen, um sicherzustellen, dass sie und ihre Tochter in dem Haus bleiben können?

    REGIE-STATEMENT
    Das Hochhaus als Mikrokosmos ist für mich eine sehr vertraute Welt, die mich schon immer fasziniert
    hat. Geboren in einer Hochhaussiedlung am Rande Sankt Petersburgs bin ich mit meiner Familie als
    russisch-jüdische Kontingentflüchtlinge 1996 nach Deutschland immigriert. Meine Eltern wollten, dass ihre Kinder in einem sicheren Land aufwachsen, frei von einer korrupten Regierung, von mafiösen Strukturen,von Antisemitismus und damit vor allem frei von Angst.

    Sobald ich mit sieben Jahren meinen Fuß auf deutschen Boden setzte, wollte ich dazugehören zu diesem Land voller weißer Gardinen und Fenstervasen, um die ich meine Mutter anbettelte, den Zäunen und grünen Hecken. Doch ganz gleich wie sehr ich versuchte, mich an die neuen Gesetzmäßigkeiten und Rituale anzupassen, um mit Haut und Haar deutsch zu werden – das Gefühl, fremd zu sein, hielt an. Es half nicht, dass wir in eine Hochhaussiedlung zogen, die trotz Parkanlage und schönem See „Ghetto“ genannt wurde.
    Obwohl wir nun in einem Land lebten, das uns Sicherheit, Geborgenheit und eine neue Heimat geben
    sollte, wurde meine Angst größer. Die Angst, nicht dazuzugehören, ausgeschlossen und bedroht zu sein. Dieselbe Angst, vor der meine Eltern geflohen waren.

    Gleichzeitig wurde ich auch mit der Angst der anderen konfrontiert, die sich, wie sich herausstellte,
    unheimlich vor uns, den Immigranten, fürchteten. In den gemütlichen bürgerlichen Heimen grassierte die kreative Sorge, dass Menschen, die gerade erst ins Land gekommen und ohne Einfluss waren, die warmen Wohlstandsnester in Gefahr bringen könnten.

    Mit Absurdität, trockenem Humor und abgrundtiefer Tragik will ich mit Wir könnten genauso gut tot sein  eine Geschichte über die Macht der Angst als sich selbst reproduzierendes System erzählen, das wie kein  anderes Gefühl den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskurs diktiert und den Zusammenhalt der  Gesellschaft zerrüttet. In einer verschobenen Realität ergründet der Film die Frage, welche Ventile sich  Angst in einer Gemeinschaft sucht. Welche Grenzen dabei überschritten werden und wie sie die ganze  Gemeinschaft verändern kann.
    Natalia Sinelnikova

    Eröffnungsfilm Perspektive Deutsches Kino, Berlinale 2022