Zombi Child (Bundesstart)

  • FR 2019
  • 103 Min
  • Regie: Bertrand Bronelli
  • FSK: keine Angabe
  • Originalfassung mit deutschen Untertiteln (OmU)
  • offizielle Filmseite

Vorführungen:

  • Do, 8. Oktober 2020 – Sa, 10. Oktober 2020 um 18:30 Uhr
  • So, 11. Oktober 2020 um 20:15 Uhr
  • Mo, 12. Oktober 2020 – Mi, 14. Oktober 2020 um 20:15 Uhr
  • Do, 15. Oktober 2020 um 20:30 Uhr
  • Fr, 16. Oktober 2020 – So, 18. Oktober 2020 um 20:45 Uhr
  • Di, 20. Oktober 2020 – Mi, 21. Oktober 2020 um 20:30 Uhr

FILMKRITIK:

„Dies ist weder eine Fiktion noch ein Roman, alles ist wahr“, hat Balzac einst in seinem „Vater Goriot“ geschrieben. Auch in „Zombi Child“ fällt dieser Satz in einer Unterrichtsszene an einer Elitehochschule in der Nähe von Paris. Zugelassen sind hier nur Nachkommen von ehemaligen Angehörigen der Ehrenlegion oder des Militärordens. Doch so honorig Herkunft und Stand der Eleven, so „gewöhnlich“ sind die Schülerinnen in ihren außerschulischen Interessen, ständig abgelenkt vom Smartphone, in Gedanken beim Liebsten, den sie erst während der anstehenden Ferien wiedersehen werden. Regelmäßig trifft sich eine kleine Clique um Fanny nachts im Kunstraum des Internats, wo nun im Zuge einer Initiation darüber befunden werden soll, ob Mélissa, die neue Mitschülerin, die als Siebenjährige nach dem Tod ihrer Eltern durch ein Erdbeben von Haiti nach Frankreich zu ihrer Tante zog, aufgenommen werden soll in den „Club“. Ein bisschen fühlt man sich da an den „Club der toten Dichter“ erinnert.

Was die pubertierenden Teenagerinnen ganz besonders interessiert, ist, was Mélissa über ihren Großvater erzählt, der durch die Berührung mit einem Pulver gestorben sein soll und beerdigt worden ist, tatsächlich aber nur ohnmächtig war und somit lebendig begraben wurde. Wie er hört auch der Zuschauer, wie beim letzten Geleit Erde auf seinen Sarg geschaufelt wird, ehe es schwarz wird wie die Nacht und der Vollmond unheilvoll hinter den Wolken hervorlugt. Als Zombie schlägt dieser Clairvius Narcisse nun als Sklave Zuckerrohr auf einer Plantage und torkelt und schlurft nächtens durch die Straßen seines Dorfes. Bis heute erinnern sich die Verwandten an seinem Todestag an ihn – bei einer Zeremonie, in der Leben und Tod untrennbar zusammenkommen. Dabei geht es auch um die Wirkmächtigkeit von Mythen und Legenden und ein bewusst oder unbewusst wahrgenommenes Erbe.

Raffiniert an Bertrand Bonellos Film ist, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft sind, inklusive der Verbindungen, die sich aus historischer Sicht durch die Rolle Frankreichs als einstmals in Haiti herrschender Kolonialmacht ergaben. Unter anderem wird da im Unterricht über den in Frankreich geborenen Liberalismus doziert, nach der Rolle der untrennbar mit dem Begriff der Revolution verbundenen Nation im Kontext von Haitis Geschichte gefragt und darüber referiert, ob eine linear erzählende Geschichtsschreibung zulässig sei. Dass die Schule zufällig in jenem Jahr gegründet worden ist, als sich Haiti von Frankreich unabhängig erklärte (1804), schafft denn auch eine weitere Verbindung von Vergangenheit zu Gegenwart. Zentral ist schließlich auch, warum sich die von Liebeskummer geplagte Fanny an Mélissas Tante wendet, hat sie doch die Gabe, als „Mambo“ den Toten Neuigkeiten aus dem Hier und Jetzt zu berichten. Fanny erhofft sich von der Tante Hilfe, fühlt sie doch eine Art von Besessenheit und hofft in ihrer Naivität, durch die innere Kraft des Voodoo den Freund auf ewig an sich binden zu können.

Anders als Wes Craven, dessen 1988 erschienener Horrorstreifen „Die Schlange im Regenbogen“ mit Bill Pullman vergangenes Jahr in einer Mediabook-Edition auf DVD neuveröffentlicht worden ist, beschäftigt sich zwar auch Bonello mit der durch den kolumbianisch-kanadischen Anthropologen und Ethnobotaniker Wade Davis überlieferten Geschichte des Zombie-Sklaven Clairvius Narcisse, verzichtet aber auf reißerische Alptraum- und Schockszenen. Indem er sich sachlich und ernsthaft der Vielzahl der angeschnittenen Themen nähert, trotzdem aber distanziert und rätselhaft bleibt, erlaubt er dem Zuschauer eigene Assoziationen und hält die Spannung somit hoch. Und überrascht am Ende dann doch, als er den Zuschauer an einem Fiebertraum teilhaben lässt, der zunächst beginnt wie eine romantische Fantasie, dann aber doch den Sog eines Voodoo-Rituals mitsamt Teufelchen entwickelt. Schön, dass sich auch nicht vorhersagen lässt, wohin die Reise geht.

Thomas Volkmann (Programmkino.de)

Festivals und Auszeichnungen:

-Internationale Filmfestspiele Cannes 2019 – Quinzaine des réalisateurs
-San Sebastian Film Festival (Zinemaldia) 2019 – Zabaltegi Tabakalera
-Filmfest Hamburg – Nominiert für den Art Cinema Award
-Toronto International Film Festival (TIFF) – Masters

Pressestimmen:

-„Zombi Child hypnotisiert und geht unter die Haut!“ Little White Lies
-„Legt stilvoll die Wurzeln des Zombie-Mythos frei.“ The Playlist
-„Poetisch und bewegend.“ SciFiNow